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Den Zähnen Saures geben

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Mit Zitrusfrüchten machen wir unseren Zähnen nicht immer eine Freude. (nakedking / Fotolia)

Dieser Artikel ist Teil des Gesundheitsfensters GESUNDE ZÄHNE

Säure ist nicht gerade der beste Freund der Zähne. Eine Expertin der Universitätszahnklinik Wien beantwortet die wichtigsten Fragen zu der Thematik.

Säurebedingte Zahnschäden haben aufgrund veränderter Lebensstile in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Selbst wer auf eine gesunde Ernährung achtet, tut seinen Zähnen manchmal unbewusst nichts Gutes damit. Worauf man achten sollte, was die ersten Anzeichen von säurebedingten Schäden sind und welcher Zusammenhang zu Essstörungen besteht, erklärt DDr. Polina Kotlarenko im Interview. Sie ist Leiterin der Spezialambulanz für Bulimie und Erosionen an der Universitätszahnklinik Wien.

Was passiert mit unseren Zähnen, wenn sie zu häufig in den "sauren Apfel" beißen müssen?

DDr. Polina Kotlarenko: Zahnschmelz ist die härteste Substanz des menschlichen Körpers. Dennoch ist häufiger Säurekontakt in der Lage, den Schmelz aufzuweichen und abzubauen. Die Folge ist eine irreversible Schädigung der Zähne.

 

Die Änderung des Lebensstils in den letzten Jahrzehnten hat das Bewusstsein um Mundhygiene und gesunde Ernährung deutlich verbessert. In den Industrienationen folgte darauf der Rückgang von Karies, doch gleichzeitig auch ein Anstieg von säurebedingten Zahnschäden, sogenannten Erosionen. Der Wandel der Ernährungs- und Trinkgewohnheiten, im Besonderen der vermehrte Konsum von Softdrinks, Obst, Fruchtsäften, Wein und Salaten mit Zitronen- oder Essigsäure bringt oftmals Zähne mit Säuren in Kontakt.

 

Diese Säureangriffe können für die Zähne schädlich sein und führen zu einem Anstieg von säurebedingten Zahnschäden, sogenannten Erosionen. Die Folge ist ein irreversibler Verlust von Zahnhartsubstanz.

Welche Zahnschäden können daraus resultieren?

DDr. Polina Kotlarenko: Erosive Veränderungen sind ein schleichender Prozess. Für den Betroffenen ist die Reduktion oder Verkürzung der Zähne von einer leichten bis fortgeschrittenen Erosion über einen längeren Zeitraum kaum erkennbar. Dabei kommt es, anfangs meist schmerzlos, zu einem Verlust von Zahnschmelz an der Oberfläche der Zähne. Ein weiteres Fortschreiten führt oft zu einer großflächigen Zerstörung des Schmelzmantels und zu einer Freilegung des darunter liegenden Dentins.

 

Als Erstsymptome machen sich oftmals eine erhöhte Empfindlichkeit der Zähne auf Temperaturänderungen und Schmerzen beim Genuss von süßen oder sauren Lebensmitteln bemerkbar. Wenn Schmelz und Dentin betroffen sind, erscheinen die Zähne verkürzt, die Schneidekanten ausgedünnt und durchsichtig. An den Mahlzähnen findet sich oftmals statt einer Höckerspitze eine Mulde. Bei fortgeschrittenen erosiven Defekten kann es zu weiteren bleibenden Folgeschäden in Funktion und Ästhetik kommen.

 

Im weiteren Verlauf können die Defekte so weit fortschreiten, dass der Nervenraum der Zähne eröffnet und eine Wurzelkanalbehandlung notwendig werden kann – bis hin zu einem möglichen Verlust der Zähne.

Kommen dentale Erosionen häufig vor?

DDr. Polina Kotlarenko: Eine Metastudie aus dem Jahr 2015 zeigt, dass 34,1 % der weltweiten Bevölkerung (Kinder und Erwachsene eingeschlossen) dentale Erosionen aufweisen, das heißt ein Drittel der Bevölkerung ist von Erosionen betroffen.

Welche Lebensmittel oder Getränke sollte man im Hinblick auf die Säure eher sparsam konsumieren und welche können zur Zahngesundheit beitragen?

DDr. Polina Kotlarenko: Bei der Entstehung von Erosionen spielt der Wandel von Ernährungs- und Trinkgewohnheiten eine große Rolle, im Besonderen der vermehrte Konsum saurer Lebensmittel wie z.B. von Zitrusfrüchten oder Softdrinks. Selbst für gesundheitsbewusste Personengruppen besteht ein erhöhtes Risiko säurebedingter Zahnschäden durch die häufige Zufuhr von Fruchtsäften, Verzehr säurehaltiger Früchte oder den Genuss von Essig. Zusätzlich ist die Art der Konsumation entscheidend. Schluckweiser oder über einen längeren Zeitraum verteilter Verzehr saurer Lebensmittel führt zu einer verlängerten Verweildauer von Säure in der Mundhöhle.

 

Hilfreich ist eine Reduktion der Konsumation säurehaltiger Lebensmittel sowie deren prompter Verzehr nach dem Motto "Besser ein ganzes Glas Orangensaft auf einmal genießen, statt über den Tag verteilt immer wieder einen Schluck". Ferner ist es ratsam, Mahlzeiten mit etwas ‚Neutralisierendem' wie Käse oder anderen Milchprodukten zu beenden. Milchprodukte helfen, den pH-Wert der Mundhöhle auszugleichen und fördern als wichtige Kalzium- und Phosphat-Lieferanten die Wiederaufnahme von Mineralstoffen in den Zahnschmelz. Durch zahnschonende Kaugummis angeregter Speichelfluss unterstützt ebenfalls die Neutralisation von Säuren und weist ein remineralisierendes Potential auf. Des Weiteren sollte man Zähneputzen unmittelbar nach Konsumation säure-haltiger Lebensmittel oder nach dem Erbrechen vermeiden. Direkt nach Säureexposition wäre eine Mundspülung mit Wasser, Milch oder fluoridierten Spüllösungen zu bevorzugen.

Abgesehen von der Ernährung: Wie kann es sonst noch zu einem Säurekontakt mit den Zähnen kommen?

DDr. Polina Kotlarenko: Nicht nur saure Nahrungsmittel, auch oftmaliger Kontakt der Mundhöhle mit Magensäure durch Erbrechen oder Sodbrennen werden als Hauptursachen von Erosionen betrachtet. In diesem Zusammenhang kommt der Bulimie, auch Ess-Brechsucht genannt, ein besonderer Stellenwert zu. Bulimie ist eine psychische Erkrankung, bei der große Nahrungsmengen aufgenommen werden, gefolgt von anschließendem Erbrechen. Sie zählt zu den Essstörungen. Bei den meisten Bulimie-Patienten sind massive erosive Zahnschäden durch den häufigen Kontakt der Mundhöhle mit Magensäure nach dem Erbrechen charakteristisch. Anhand dieser typischen Schäden im Mund und im Rachenraum können Zahnärzte oftmals als Erstentdecker der Bulimie fungieren und eine vermehrte Kooperation zwischen Psychotherapeuten und Zahnärzten, im Sinne einer optimalen Unterstützung der Betroffenen, veranlassen. Auch bei Refluxerkrankung und Sodbrennen streben wir eine gemeinsame Therapiekooperation mit den jeweiligen Internisten an.

Wie kann man den Substanzverlust behandeln?

DDr. Polina Kotlarenko: Die Spezialambulanz Bulimie und Erosionen an der Universitätszahnklinik Wien bietet eine zahnmedizinische Anlaufstelle zur Vorbeugung und Behandlung von säurebedingten Zahnschäden. Bei der Beratung, Diagnostik und Therapie wird die individuelle Krankengeschichte berücksichtigt und die Maßnahmen werden an persönliche Bedürfnisse angepasst.

 

Zusätzlich gibt es die Möglichkeit mit speziellen medizinischen Produkten den Mineralstoffverlust der Zähne auszugleichen und dadurch die Härte des Zahnschmelzes zu steigern. Demineralisierte Zähne können mit Kalzium-, Phosphat-, und Fluorid-Produkten bis zu einem gewissen Grad wieder remineralisiert und damit widerstandsfähiger gemacht werden. Leider liegen zwischen dem Beginn der erosiven Veränderungen und der Diagnosestellung oftmals mehrere Jahre und es sind bereits Zahnschäden vorhanden.

 

Die Behandlung von bereits entstandenen Zahnschäden sollte so schonend und so minimalinvasiv wie möglich an den Schweregrad des Substanzverlustes angepasst werden. Für die Wiederherstellung selbst stark beschädigter Zähne werden in der Spezialambulanz die modernsten Behandlungsmethoden eingesetzt und mit digitalen Verfahren die Restauration von Ästhetik und Funktion unterstützt.

Video: Vortrag über Säure und Zähne

Unter dem Titel "Den Zähnen Saures geben" hat DDr. Kotlarenko bereits am Tag der offenen Tür der Universitätszahnklinik Wien über Symptome, Diagnose und Therapie von säurebedingten Zahnschäden gesprochen.

AUTOR


Margit Koudelka


ERSTELLUNGSDATUM


12.12.2018
MEDIZINISCHER EXPERTE
DDr. Polina Kotlarenko
Foto (c): Universitätszahnklinik Wien
Leiterin der Spezialambulanz Bulimie und Erosionen an der Universitätszahnklinik Wien
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