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Krallenhand (Ulnarislähmung)

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Als Krallen- oder Klauenhand bezeichnet man eine Fehlstellung der Hand, die bei einer Schädigung des Ellennervs auftreten kann. (Orawan Pattarawimonchai/Shutterstock.com)

Eine Krallenhand, auch Klauenhand oder Radfahrerlähmung genannt, spricht für die Diagnose Ulnarisparese, also eine Lähmung des Ellennervs. Sie ist mit einer charakteristischen Fingerstellung verbunden.

Ist der Ellennerv (Nervus ulnaris) irgendwo in seinem Verlauf an der medialen (= in der Mitte liegend) Seite des Armes über den Unterarm bis zur Hand geschädigt, kann dies eine Lähmung und/oder Sensibilitätsstörung zur Folge haben. „Wir unterscheiden zwischen einer hohen bzw. proximalen, was näher zur Körpermitte hin bedeutet, und einer peripheren bzw. distalen, also von der Körpermitte entfernten, Ulnarisparese“, so Prof. Dr. Robert Schmidhammer, Facharzt für Unfallchirurgie sowie Nerven- und Handchirurg im Millesi Center an der Wiener Privatklinik. „Liegt eine proximale bzw. körpernahe Ulnarisparese/Ulnarislähmung vor, ist der Nerv im Bereich des Ellenbogens oder noch weiter Richtung Rückenmark geschädigt, während er im Falle einer distalen bzw. körperfernen unterhalb dieses Gebiets mit einer Schädigung konfrontiert ist.“ Das sei insofern relevant, als es sich unterschiedlich auf verschiedene Bereiche auswirke, so der Experte. „Bei der distalen Ulnarisparese ist nur ein großer Teil der Handbinnenmuskeln gelähmt, was zur Krallenstellung der Finger führt, und der vierte und fünfte Finger sind von Sensibilitätsstörungen betroffen. Die proximale wiederum geht außerdem mit einer Beeinträchtigung des ulnaren (= zur Elle gehörig) Handgelenksbeugers und der tiefen Fingerbeuger für den Klein-, Ring- und Mittelfinger einher.“

 

Als prominenter historischer Betroffener wurde kürzlich Leonardo Da Vinci identifiziert, der nach Ansicht zweier italienischer Ärzte von dieser Handerkrankung betroffen war und nicht, wie ursprünglich angenommen, einen Schlaganfall erlitten hatte.

Häufigkeit

Die Ulnarisparese/Ulnarislähmung gilt als häufigste periphere Nervenlähmung. Durch den oberflächlichen Verlauf des Ellennervs an der Innenseite des Oberarms und im Ellenbogenbereich sowie in der Höhe des Handgelenks ist er Einflüssen von außen, die zu Schädigungen führen können, relativ schutzlos ausgesetzt.

Ursachen

Neben degenerativen Veränderungen, Entzündungen, Tumoren, Bagatellverletzungen, Frakturen, Luxationen/Verrenkungen, chronischem Druck und Traumata (Unfälle, Schnittverletzungen, Kreissägenverletzungen) können auch Erkrankungen wie Borreliose oder Vergiftungen zu einer Schädigung des peripheren Nervensystems und somit des Nervus ulnaris führen. In manchen Fällen ist sie Folge eines chirurgischen Eingriffs, in dessen Rahmen der Nerv unbeabsichtigt in Mitleidenschaft gezogen wurde. Des Weiteren können Nervenengpasssyndrome eine Ulnarislähmung verursachen.

Symptome und Verlauf

Je nach Lokalisation der Ulnarislähmung kommt es zu Muskellähmung, dem Ausfall motorischer Fähigkeiten, Sensibilitätsstörungen und mitunter zu Schmerzen. Die tiefe Ulnarislähmung geht mit einer Beeinträchtigung der Handbinnenmuskeln sowie Sensibilitätsstörungen am ellenseitigen Ring- und kompletten Kleinfinger einher. Es kommt zur Krallenhand durch Überstreckung der Fingergrundgelenke, wobei die Fingermittel- und -endgelenke in leichter Beugestellung verweilen. Die hohe Ulnarislähmung wartet außerdem mit einer geringeren Muskelkraft im Handgelenk auf, wenn Finger oder Hand in Richtung Elle gebeugt werden. Wenngleich der Pinzettengriff noch problemlos durchgeführt werden kann, wirkt sich die Erkrankung massiv auf die Feinmotorik der Betroffenen aus. Der Nervus ulnaris versorgt jene Muskeln mit Reizen, welche Fingerstrecker und -beuger koordinieren und ist für die Feinabstimmung der Muskeln vom Unterarm bis in die Finger verantwortlich. Ist dieser Vorgang gestört, wird das Greifen unmöglich. Beugung und Streckung sind behindert, und das Abspreizen des Daumens ist nicht mehr durchführbar. Im weiteren Verlauf kommt es zu Muskelschwund.

Diagnose

Zur Diagnosestellung stehen neben einer ausführlichen Anamnese verschiedene Ulnarisfunktionstests bzw. Diagnoseverfahren zum Nachweis einer Ulnarislähmung zur Verfügung:

 

  • Hoffmann-Tinel-Zeichen: Wird der Nervus ulnaris in seinem Verlauf beklopft und es kommt zu unangenehmen elektrisierenden Empfindungen, die nicht zwingend mit Schmerzen einhergehen muss (Parästhesien), spricht man von einem positiven Hoffmann-Tinel-Zeichen. Das deutet auf ein Nervenproblem in diesem Bereich hin, kann aber auch nach erfolgter Behandlung ein Zeichen für Regeneration sein. Im Falle einer Durchtrennung des Nervus ulnaris tritt ein positives Hoffmann-Tinel-Zeichen nach sechs Wochen bis drei Monaten auf, wandert in die Peripherie und zeigt damit an, wo sich die vordersten Nervenfasern befinden.
  • Froment-Test: Der Patient versucht, ein Blatt Papier so fest zwischen Daumen und Zeigefinger zu halten, dass der Untersucher Mühe hat, es wegzuziehen. Kann er es nicht festhalten, deutet das auf eine Ulnarislähmung hin.
  • Wartenberg Zeichen: Abduktionsstellung (= Abspreizen) des Kleinfingers
  • Sonographie bzw. hochauflösender Ultraschall: Mit Hilfe dieser überall durchführbaren und günstigen Form der Bildgebung lässt sich zweifelsfrei feststellen, in welchem Zustand sich periphere Nerven befinden und wo genau ihr Problem liegt. Was MRT, CT oder Röntgen nicht zeigen können, kann der Ultraschall im Falle peripherer Nerven millimetergenau darstellen.
  • Röntgen, CT und/oder MRT: Falls eine Knochenbeteiligung vorliegt, sollte zusätzlich auf entsprechende Bildgebungen zurückgegriffen werden.
  • Elektroneurographie (ENG) bzw. Nervenleitgeschwindigkeitsmessung: Der Nerv wird elektrisch stimuliert, um seine Leitgeschwindigkeit zu überprüfen
  • Elektromyographie (EMG): Der Nerv wird elektrisch stimuliert und das Signal wird innerhalb des Muskels abgenommen.

Therapie

Konservativ: Im Falle eines Nervenkompressionssyndroms empfiehlt sich mitunter eine Behandlung mittels Physiotherapie, Ruhigstellung, Schienentherapie, Kompression, Eis- oder Salbenverbänden, Iontophorese (Verfahren zur Resorption von Arzneistoffen durch die Haut unter Anwendung eines schwachen elektrischen Gleichstromes) und der Einnahme von Nicht-steroidalen Entzündungshemmern. Liegt eine Entzündung vor, kann diese mittels Ultraschall lokalisiert und durch Kortisoninjektionen therapiert werden.

 

Chirurgisch: Die Art der operativen Behandlung ist nicht nur abhängig vom Problem, das der Nerv hat, sondern auch davon, ob es sich um eine körperferne oder körpernahe Ulnarislähmung handelt. Im Falle einer Nervendurchtrennung erfolgt eine mikrochirurgische Nervennaht. Liegt außerdem ein Substanzdefekt vor, muss eine Nerventransplantation durchgeführt werden. Handelt es sich um ein Nervenkompressionssyndrom, das auf konservative Maßnahmen nicht anspricht, sollte der Nerv im Rahmen einer Neurolyse von einengendem Gewebe befreit werden. In manchen Fällen ist eine Nervenverlagerung nötig. Sämtliche Eingriffe setzen eine Physio- und Schienentherapie voraus. Die Nachsorge gestaltet sich je nach Operationsmethode und Behandlung sowie Dauer der Regenerationsphase (Muskelaufbau, Erholung des Nervs, Wiedererlangen der muskulären Funktion).

AUTOR


Mag. Sonja Streit
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Margit Koudelka


ERSTELLUNGSDATUM


08.07.2019
MEDIZINISCHER EXPERTE
Prof. Dr. Robert Schmidhammer
Foto (c): Prof. Dr. Robert Schmidhammer
Facharzt für Unfallchirurgie und Experte für Hand- und Nervenchirurgie am Millesi Center for Surgery of Peripheral Nerves an der Wiener Privatklinik.
QUELLEN
Pain Solutions (Third Edition), A Lee Dellon, Lightning Source Inc, La Vergne, 2013
Chirurgie der peripheren Nerven, Hanno Millesi, Urban & Schwarzenberg, München – Wien – Baltimore, 1992
Kurzgefaßte Handchirurgie – Klinik und Praxis, Jürgen Rudigier, Hippokrates Verlag Stuttgart, 1997
Manual of Peripheral Nerve Surgery – From the Basics to Complex Procedures, Mariano Socolovsky, Lukas Rasulic, Rajiv Midha, Debora Garozzo, Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart – New York – Delhi – Rio de Janeiro, 2018

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