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Faszientraining

Gruppe beim Faszientraining
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Das Faszientraining gewinnt immer mehr an Beliebtheit. (sabine hürdler / Fotolia.com)

Wie ein dreidimensionales Gitternetz ummanteln die Faszien unsere Knochen, Muskeln und innere Organe und gewähren einen Stoßdämpfer-ähnlichen Schutz.

Die dünnen Häute aus Bindegewebe umschließen unsere Muskeln wie Hüllen und unterstützen deren Aktivitäten sowie die Bewegungen unserer Gelenke. Sie befinden sich außerdem unter der Haut, zwischen den Sehnen und an anderen Stellen als Gleitschicht. Bei vielen Verletzungen und Verspannungen innerhalb des Bewegungsapparates sind nicht Muskeln oder Gelenke selbst schuld an den Schmerzen. Häufig werden sie von verklebten und in ihrer Elastizität eingeschränkten Faszien hervorgerufen. Ziel der Therapie ist es daher, schmerzauslösende Problemstellen durch gezielten Druck und federnde Dehnungsübungen zu lösen und die Elastizität des Bindegewebes zu stärken.

Zusammenfassung

  • Die Faszien sind dünne Häute aus Bindegewebe, die Muskeln umhüllen und dort wie eine Art Stoßdämpfer Belastungen abfangen sollen.
  • Schmerzen am Bewegungsapparat sind oft auf die Faszien zurückzuführen, ein entsprechendes Training kann daher akut helfen. Vorbeugend hilft Faszientraining, das Risiko auf Verletzungen zu senken.
  • Federn, Dehnen, sensorisches Verfeinern und Lösen sind die vier Prinzipien, auf denen das Training aufgebaut ist.
  • Im Idealfall werden für den jeweiligen Bedarf passende Übungen gemeinsam mit einem Physiotherapeuten erarbeitet und in weiterer Folge regelmäßig zuhause durchgeführt.

Was sind die Hauptaufgaben der Faszien?

Die 4 Grundfunktionen der Bindegewebsschichten sind:

  • Körperformung: Sie formen den Körper, indem sie die Organe und Muskeln umhüllen, sie polstern und gegen äußere Einflüsse schützen 
  • Kraftübertragung: Sie übertragen und speichern Kraft, indem sie die Muskeln mit den Knochen verbinden und indem sie sich dehnen und Spannung halten können 
  • Stoffwechselfunktion: Sie sind am Stoffwechsel beteiligt, indem sie Flüssigkeit speichern und transportieren 
  • Informationstransfer: Über ihre Rezeptoren und Sensoren geben sie Reize und Informationen innerhalb des Körpers weiter

Wird eine Faszie etwa durch einen Unfall oder durch eine Entzündung verletzt, vermindert sich ihre Leistungsfähigkeit auf all diesen Gebieten. Die Faszie verliert an Elastizität und bildet Granulationsgewebe, das zu Steifheit und Verklebung führt. Diese führen lokal zu Beschwerden und Bewegungseinschränkungen, sie können aber auch auf andere Körperbereiche wie etwa den Rücken ausstrahlen. Diese Veränderung des Bindegewebes kann durch Faszientraining behoben werden.

Wem nützt die Faszien-Therapie?

Als therapeutische Maßnahme 

Faszientraining wird bei Beschwerden im Bewegungsapparat eingesetzt. Das sind vor allem Bewegungseinschränkungen, die nach einer Verletzung, beispielsweise am Meniskus oder Kreuzband entstehen. Aber auch Rückenschmerzen, Sehnenscheidenentzündungen und andere Beschwerden können therapiert werden. Dabei geht der Arzt nicht von einer bestimmten Diagnose aus, sondern von den Beschwerden, die in Folge einer Verletzung auftreten und bei jedem Betroffenen unterschiedlich ausfallen können. Regelmäßiges Faszientraining soll helfen, diese Beschwerden, die durch verklebte Bindegewebsbahnen ausgelöst werden, zu reduzieren und die Faszien insgesamt zu stärken. 

 

Als präventive oder Therapie begleitende Maßnahme 

Grundsätzlich kann die Therapie aber von jedem auch als vorbeugende oder begleitende Maßnahme angewandt werden, indem die Elastizität des Bindegewebes gefördert wird. Auf diese Weise lässt sich unter anderem die Verletzungsanfälligkeit reduzieren und die Körperhaltung verbessern.

Wie läuft ein Faszientraining ab?

Ein optimales Faszientraining beruht auf 4 Prinzipien:

 

1. Prinzip: Elastisches Federn 

Kängurus können bis zu 13 Meter springen. Das Interessante daran: Die Tiere beziehen die enorme Sprungkraft nicht aus reiner Muskelkraft, sondern aus einer elastischen Speicherenergie – dem sogenannten Katapultmechanismus. Über eine Vielzahl an dynamischen Federungen lässt sich dieser Katapulteffekt auch im Faszientraining forcieren. Ziel dieses Prinzip ist es, die Elastizität der Faszien zu steigern, um sie so jugendlicher und widerstandsfähiger zu machen. 

 

2. Prinzip: Fasziales Dehnen

Faszien lieben es, in möglichst viele Richtungen und Winkeln gezogen und gedehnt zu werden. Die Dehnübungen sollten über möglichst lange Faszienketten, also über Positionen, die über mehrere Gelenke ziehen, durchgeführt werden. Durch kleine Minifederungen oder den Einsatz von Gewichten wird die Muskulatur innerhalb der Dehnbewegung aktiviert. Durch das Dehnen in unterschiedliche Richtungen werden die Faszienschichten wieder gleitfähiger. Auf diese Weise können Beweglichkeit und Flexibilität bis ins hohe Alter beibehalten werden.

 

3. Prinzip: Sensorisches Verfeinern

Ob wir geschmeidig elegant oder eher tollpatschig durchs Leben gehen, hängt unter anderem von der Körperwahrnehmung ab. Sogenannte Propriozeptoren helfen uns, die exakte Haltung unseres Körpers besser wahrzunehmen. In den Faszien gibt es sechs Mal mehr dieser Rezeptoren als in den Muskelspindeln, daher gilt es, diese sensiblen "Antennen" zu trainieren. Denn bestimmte Schmerzformen können durch das Verfeinern der Körperwahrnehmung reduziert werden.

 

4. Prinzip: Fasziales Lösen

Über das Training mit einer festen Schaumstoffrolle können fasziale Verdickungen gelöst und das Gewebe wieder durchfeuchtet werden. Häufig wird eine harte Schaumstoffrolle zur Selbstmassage der Faszien verwendet. Dabei liegt die sogenannte Blackroll am Boden, während die betroffene Körperpartie langsam und gleichmäßig über den Schaumstoff rollt. Durch die verbesserte Wasserbindung werden die Faszien wieder fester und belastbarer. Auf diese Weise werden auch Schmerzzustände gelindert.

 

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Wann und wie lange kommt die Faszien-Therapie zum Einsatz?

Wer zuhause vorbeugend trainieren möchte, sollte die Übungen mindestens einmal pro Woche wiederholen, um einen positiven Effekt zu erzielen. Da sich das Bindegewebe nur sehr langsam regeneriert, sollte das Training kontinuierlich durchgeführt werden. Auch bei der Behandlung bestehender Schmerzen direkt bei einem Therapeuten ist – abhängig von den Beschwerden – ein wöchentliches Training ratsam.

Was müssen Sie nach der Faszien-Therapie beachten?

Faszien verhalten sich wie Muskeln oder Knochen. Werden sie nicht beansprucht, beginnen sie zu verkümmern bzw. sich abzubauen. Der Funktionsverlust kann sich durch Steifigkeit und mitunter Bewegungseinschränkungen bemerkbar machen. Mit einem kontinuierlichen Training Ihrer Faszien behalten Sie die Elastizität des Bindegewebes bei.

Faszien-Therapie: Wer behandelt?

Im Idealfall werden zusammen mit einem Physiotherapeuten speziell auf den Betroffenen abgestimmte Übungen erarbeitet. Diese kann der Patient zuhause jederzeit selbst wiederholen. Besondere Kleidung oder Geräte sind nicht erforderlich, außer man möchte zur Selbstmassage eine harte Schaumstoffrolle, die sogenannte Blackroll, verwenden. Eine solche ist unter anderem in Sportfachgeschäften zu finden. Wenn die Belastung, Dehnung oder Massage einer Faszie zu sehr schmerzt, reduzieren Sie den Druck und steigern ihn nur langsam. 

Faszien-Therapie: Kosten & Krankenkasse

Die Übungen können Sie regelmäßig kostenfrei Zuhause absolvieren. Wer sich aber lieber von einem Spezialisten behandeln lassen möchte, muss mit privat zu zahlenden Leistungen eines Physiotherapeuten oder Osteopathen rechnen. In einigen Fällen oder bei Zusatzversicherungen gewährt die Krankenkasse jedoch einen Zuschuss.

AUTOR


Nadja Heine, Mag. Sylvia Neubauer
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Michael Leitner


ERSTELLUNGS-/
ÄNDERUNGSDATUM


27.07.2017 / 09.03.2021
QUELLEN
Faszien Fitness, R. Schleip, riva Verlag, München, 2015
Blackroll, K. Bartrow, Trias Verlag, Stuttgart, 2014
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