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Wenn Nervenzellen schwinden

Älterer Patient mit Pflegerin
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Sowohl Morbus Alzheimer als auch Morbus Parkinson führen zu einem langsam fortschreitenden Verlust von Nervenzellen im Gehirn. (ESB Professional/Shutterstock.com)

Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson Alzheimer haben einige Gemeinsamkeiten.

Beides sind neurodegenerative Erkrankungen und führen schleichend zu einem Verlust von Nervenzellen im Gehirn. Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Elisabeth Stögmann, Leiterin der Ambulanz für Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen an der Medizinischen Universität Wien gab am MINI MED-Abend am 22. Jänner 2019 im Van-Swieten-Saal einen Überblick über Demenz, ihre Ausprägungen sowie über Behandlungsmöglichkeiten. Dr. Heidemarie Zach, Bakk.rer.nat von der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien ist Ärztin und Sportwissenschafterin. Sie beleuchtete den Schwerpunkt Morbus Parkinson aus ihrer Praxis.

Alzheimer oder Demenz?

Demenz ist ein Überbegriff. Die häufigste Form ist Morbus Alzheimer. „Demenzen, die über mehrere Monate hinaus bestehen, gehen mit kognitiven Symptomen bzw. mit Stimmungs- und Verhaltensänderungen einher“, so Stögmann. Neuropathologisch betrachtet liegen bei einer Alzheimer-Demenz Amyloid- oder TAU-Proteine vor, die krankhaft gefaltet sind – aus Gründen, die die Wissenschafter noch nicht verstehen. In Österreich sind etwa 130.000 Menschen von einer Demenz betroffen, 2050, so prognostizieren Statistiken, werden es doppelt so viele sein. Dazu Elisabeth Stögmann: „Zwar werden die Menschen immer älter, aber in hoch entwickelten Ländern dürfte die Entwicklung keinen so dramatischen Lauf nehmen wie befürchtet.“

Vergesslich oder dement?

Der größte Risikofaktor einer Demenz ist das Alter. Während um das 60. Lebensjahr etwa 1 Prozent der Bevölkerung von Demenz betroffen ist, liegt diese Zahl bei den über 80-Jährigen bei 20 Prozent. „Vergesslichkeit ist jedoch noch kein Grund zur Sorge“, beruhigt die Medizinerin. „Gründe dafür sind oft Konzentrationsstörungen. Wenn es jedoch störend wird, ist Handlungsbedarf gegeben.“ Der erste Weg führt Betroffene in diesem Fall in eine Memory-Klinik oder in eine Ambulanz für Gedächtnisstörungen. Hier erfolgt ein langes Gespräch mit einem Facharzt sowie eine neurologisch-klinische Untersuchung und eine Blutabnahme. Meist wird zur Orientierung ein Gedächtnistest durchgeführt, auch Untersuchungen wie eine CT oder eine MRT werden durchgeführt, um andere Erkrankungen auszuschließen. Das können beispielsweise ein Tumor im Kopf, psychiatrische Erkrankungen (Depression) oder internistische Erkrankungen sein, z. B. eine Schilddrüsenerkrankung.

Leicht oder manifest?

Liegt die Diagnose Demenz vor, kann es sich um ein präklinisches Vorstadium, eine MCI (mild cognitive impairment) handeln, oder aber um eine manifeste Demenz. Letztere führt zum Verlust kognitiver Fähigkeiten und zur Beeinträchtigung der Alltagsfunktionen. In einer ausführlichen Anamnese kann der Arzt im Zuge einer MCI unterschiedliche Symptome erkennen, wie etwa episodische Gedächtnisstörungen oder Schwierigkeiten beim Einspeichern von neuen Terminen, Wegen, Gesichtern und Informationen.

 

Im Unterschied dazu bleibt das lexikalisch-semantische Gedächtnis, also das Weltwissen oder Begriffe, Eigennamen, Hauptstädte usw. weiterhin erhalten. Meist können sich Betroffene an Ereignisse der letzten Tage, Termine der letzten Zeit, das Mittagessen von gestern, an Wege und geplante Erledigungen gut erinnern. Im Zuge einer MCI bleiben die Basis-Alltagsfunktionen unbeeinträchtigt, allerdings kann die Erkrankung mit einem 10%igen Risiko pro Lebensjahr in eine Demenz übergehen.

So wird getestet

Aus dem Bereich der Neuropsychologie gibt es mehrere Möglichkeiten zur Testung: So soll sich der Betroffene Einkaufslisten merken oder semantische Wortlisten generieren (z. B. mehr als 15 Tiere innerhalb einer Minute). Charakteristisch ist auch der Uhrentest, bei dem der Betroffene die aktuelle Zeit auf einer Uhr skizzieren soll.

 

Mithilfe bildgebender Verfahren lassen sich unterschiedliche Beeinträchtigungen diagnostizieren. So etwa zeigt eine MRT, ob beispielsweise eine Hippocampusatrophie (bestimmte Gedächtnisregionen sind zusammengeschrumpft) vorliegt. Mit einem FDG-PET lassen sich Stoffwechselvorgänge sichtbar machen und Neuronen- und Synapsenverbindungen nachstellen. Das PIB-PET gibt Auskunft über die Amyloid-Plaquedichte, das für die Krankheit typische, abgelagerte Eiweiß. Ein weiterer Biomarker ist das Amyloid- und TAU-Protein, das im Liquor nachweisbar ist.

Assoz. Prof. Dr. Elisabeth Stögmann

Demenzen, die über mehrere Monate hinaus bestehen, gehen mit kognitiven Symptomen bzw. mit Stimmungs- und Verhaltensänderungen einher.

Assoz. Prof. Dr. Elisabeth Stögmann
Foto: MINI MED

Morbus Parkinson

Dr. Heidemarie Zach, Medizinerin und Sportwissenschafterin an der Bewegungsambulanz der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien betonte, dass Morbus Parkinson die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung sei. „Prominente Beispiele dabei sind Ottfried Fischer, Muhammed Ali, Michael J. Fox, Papst Johannes Paul II, Salvador Dali oder Brian Grant. Der Erkrankungsgipfel liegt um das 50./60. Lebensjahr, es gibt jedoch auch einzelne Fälle, bei denen Betroffene unter 40 Jahre sind.“

 

Morbus Parkinson wurde bereits im Jahr 1817 beschrieben. Der Erkrankung liegt eine Degeneration dopaminerger Neurone zugrunde. Das heißt, die Dopamin produzierenden Zellen sind geschädigt und gehen unter. Als Ursachen gelten einige genetische Komponenten, am häufigsten aber liegt ein Mix aus vielen Faktoren vor. Sichtbar wird die Erkrankung anhand der klassischen Parkinsotrias: zur Verlangsamung der Bewegung, hinzu kommen ein ständig hoher Muskeltonus (Rigor), Zittern (Tremor) und Akinese (Haltungsinstabilität). Eine Diagnose erfolgt über strukturelle Bildgebung, eventuell auch über ein DAT-Scan, um die Funktion der dopaminergen Neuronen zu überprüfen. „Im Zuge der Erkrankung ist die Mobilität im Alter eingeschränkt, das Gehen wird schlechter, es kommt zu Stürzen. Die Krankheit an sich ist nicht tödlich, doch viele Betroffene sterben an den Folgen von Stürzen oder entwickeln, wenn sie sich nicht gut bewegen können, Herzkreislauf-Erkrankungen“, so Heidemarie Zach.

 

Typisch in der Bewegung ist das „Freezing“ bei Betroffenen, eine Art „Klebenbleiben am Boden“. „Um dieses zu durchbrechen eignet sich das Cueing, ein visueller, taktiler oder auditiver Reiz, der in der Folge das Bewegungsmuster verbessern kann“, so die Medizinerin.

Gut behandelbar

Auch Morbus Parkinson ist nicht heil- aber gut behandelbar. „Wichtig ist, eine Therapie sowohl im medizinischen als auch im familiären Kontext möglichst breit und im Teamwork anzulegen“, rät Zach. Dabei kommen medikamentöse und nicht medikamentöse Therapien zur Anwendung. So etwa werden Dopamin Agonisten (sie „tun so“, als wären sie Dopamin) verabreicht, oder Levodopa, eine Vorstufe des körpereigenen Botenstoffs Dopamin. Hinzu kommen Antidepressiva, Schlafmittel sowie Physio-, Trainings-, Ergo- oder Psychotherapie.

 

Eine weitere Möglichkeit bietet die Tiefe Hirnstimulation (DBS). Dabei wird ein „Schrittmacher“, eine fadenförmige Elektrode unter die Basalganglien im Gehirn implantiert, um dieses Areal zu stimulieren. Diese Option ist aber nicht für jeden sinnvoll. „Auch die Duodopa-Pumpe oder die Apomorphin-Pumpe sind stimulierende Verfahren, bei denen ein Dopamin Agonist subkutan im Dünndarm oder Bauch einschleust wird.

 

Bekannt ist nun aber, dass die Effekte von Bewegung bei Morbus Parkinson immens hoch sind. Der Grund: Beim Sport schütten Hirn und Gefäße Dopamnin aus, sodass das Gehirn gewissermaßen „wächst“. Ideal ist daher regelmäßige Bewegungen in der Gruppe, das zeigt auch eine Studie aus 2018. Dabei wurden Betroffene, die ein anspruchsvolles Ausdauertraining absolvierten, mit einer Gruppe verglichen, die kein Training absolviert hat. Das Ergebnis: Nach 6 Monaten Training hat sich der Zustand der Ausdauergruppe stabilisiert. In Sachen Sport ist erlaubt, was guttut. Ideal sind Tai Chi, Yoga, Tischtennis, Tangotanzen, Boxen, Wassergymnastik und Wasserball oder Bogenschießen. In der laufenden Studie Climb Up (für die noch Teilnehmer gesucht werden) werden derzeit die Vorteile des Kletterns untersucht.

Dr. Heidemarie Zach, Bakk.rer.nat

Wichtig ist, eine Therapie sowohl im medizinischen als auch im familiären Kontext möglichst breit und im Teamwork anzulegen.

Dr. Heidemarie Zach, Bakk.rer.nat
Foto: MINI MED
AUTOR


Dr. Doris Simhofer
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Margit Koudelka


ERSTELLUNGSDATUM


21.02.2019

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