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Einsam durch Schwerhörigkeit: Die Rolle der Psyche

Frau versteht kaum, was gesagt wird
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Das richtige Hörgerät hilft, psychische Störungen zu vermeiden. (Syda Productions - Fotolia.com)

In Österreich sind rund 1,2 Millionen Menschen von Hörbeeinträchtigungen wie Taubheit, Schwerhörigkeit oder angeborenen Hörschäden betroffen. Nicht mehr richtig hören zu können wirkt sich auch negativ auf die Psyche aus.

Schwerhörigkeit tritt zumeist schleichend ein, sei es durch hohe Lärmbelastung im Alltag oder normale Abnützungserscheinungen des Gehörs im Alter. Die psychischen Folgen für hörgeschädigte Menschen bahnen sich ebenso langsam an: Erst werden zwischenmenschliche Kontakte als anstrengend wahrgenommen, dann werden sie zunehmend vermieden. Viele Betroffene flüchten in die Isolation, was die Gefahr einer Depression erhöht. Hörgeräte, die perfekt an die Bedürfnisse des Schwerhörigen angepasst sind, können den Wiedereinstieg ins Sozialleben erleichtern.

Schwerhörigkeit einzugestehen ist schwierig

Zu akzeptieren, dass das Gehör nicht mehr so gut funktioniert wie früher, fällt vielen Menschen - besonders der älteren Generation - schwer. "Ich höre doch noch gut", "Ich bin zu jung für ein Hörgerät", "Je später ich ein Hörgerät tragen muss, desto besser" und ähnliche Ausreden kennen viele Angehörige. Was die meisten Betroffenen jedoch nicht wissen: Das Gehirn verlernt langsam aber sicher das Hören. Denn es werden nie alle Töne und Laute leiser gehört, sondern nur bestimmte Frequenzen und Kombinationen - der Denkapparat verlernt, diese zu erkennen, "schön" und "Fön" klingen dann für den Schwerhörigen gleich. Und weitaus schlimmer: Auch die zwischenmenschlichen Kontakte gestalten sich unbefriedigend und anstrengend.

Das Sozialleben leidet zunehmend

So unterschiedlich wie die Ohren eines Menschen sind auch die Auswirkungen, wenn das Gehör nicht mehr richtig arbeiten kann: Manche Menschen reagieren trotzig und mürrisch, andere werden ängstlich und still. Das Resultat ist dasselbe - der Betroffene kann sein Sozialleben nicht mehr genießen, denn es ist anstrengend, Gesprächen zu folgen, wenn man immer nur Wortfetzen versteht. Immerzu "Wie bitte?" fragen zu müssen, ist den Hörgeschädigten oft zu peinlich, sie schämen sich für ihr schlechtes Gehör und haben Angst, dumm, senil oder komisch zu wirken. Nach und nach verzichten sie auf die gesellige Stammtischrunde oder das Familientreffen - die Betroffenen isolieren sich.

Schwerhörigkeit verursacht psychische Probleme

Für gut hörende Menschen ist es oft schwer nachvollziehbar, wie sehr sich das Leben für Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung ändert. Psychischen Problemen wird durch die veränderte Wahrnehmung der Weg geebnet. Dazu zählen:

  • Schreckhaftigkeit, Nervosität: Betroffene wirken oft besonders schreckhaft, geradezu nervös - denn sie hören wichtige Reize aus der Umgebung nicht mehr, die sie z.B. auf Gefahren hinweisen. Sie hören die Schritte, die sich nähern nicht und erschrecken, wenn sie plötzlich laut angesprochen werden. Ständige Angespanntheit ist eine Folge davon.
  • Ängste: Schwerhörige vermeiden bewusst Situationen, in denen auffällt, dass sie schlecht hören - aus Angst, sich zu blamieren oder geistig nicht mehr fit zu wirken. Auf Treffen im Kaffeehaus oder in größeren Runden, wo der Hintergrundlärm das Verständnis noch schwieriger macht, wird verzichtet, sie isolieren sich zunehmend.
  • Gestörte emotionale und soziale Beziehungen: Nur die Worte zu hören, die jemand sagt, reicht für ein gutes Gespräch nicht aus. Denn der Tonfall transportiert jede Menge Zwischentöne, von Sarkasmus bis Mitgefühl. Wer diese nicht hört, tut sich schwerer damit, Bindungen einzugehen und aufrechtzuerhalten.
  • Misstrauen: Besonders im Alter kann man bei Schwerhörigen auch Misstrauen beobachten. Sie bekommen nicht mit was geredet und warum gelacht wird und denken, dass über sie geredet und über sie gelacht wird.
  • Depression: Im schlimmsten Fall können all diese Probleme, vor die schwerhörige Menschen gestellt werden, in die Depression führen. Einsamkeit, Ängste und missglückte soziale Beziehungen verursachen eine Sinnkrise, aus der sich die Betroffenen ohne Hilfe nicht befreien können.

Psychischen Problemen vorbeugen

Um die Abwärtsspirale zu verhindern, die sich von schlechtem Hören über Isolation bis hin zur Depression ziehen kann, müssen Angehörige und Betroffene rechtzeitig die Notbremse ziehen. Angehörige sollten behutsam darauf hinweisen, dass das Tragen eines Hörgeräts keine Schande ist - und so wie das Tragen einer Brille - nicht unbedingt etwas mit hohem Alter zu tun hat. Gerade in der Angewöhnungsphase des Geräts ist auch auf das psychische Wohlbefinden der Betroffenen zu achten: Sie haben sich daran gewöhnt, dass ihre Umgebung leiser geworden ist und einige Töne und Laute verloren hat. Wenn plötzlich wieder alles klar und deutlich ertönt, kann das einen Schock darstellen und für die Betroffenen anstrengend sein, bis sie sich wieder daran gewöhnt haben. Angehörige müssen in dieser Umstellungsphase besonders darauf achten, ihre Lautstärke gegenüber dem Schwerhörigen wieder zu senken, damit er nicht das Gefühl hat, angeschrien zu werden.

AUTOR


Mag. Marie-Thérèse Fleischer, BSc
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Mag. Silvia Feffer-Holik


ERSTELLUNGSDATUM


02.01.2018
QUELLEN
Psychische und soziale Folgen von Schwerhörigkeit, W. Richtberg. In: Psychiatrie: Ein Lehrbuch für Klinik, Praxis und Beratung, V. Faust (Hrsg.), Gustav Fischer Verlag, Stuttgart/New York, 1995, S. 575-580.

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