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Warum Psoriasis auch die Gelenke treffen kann

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Bei der Psoriasis-Arthritis sind große Gelenke, wie das Knie, häufiger betroffen als bei anderen rheumatischen Erkrankungen. (Africa Studio - Fotolia.com)

Die charakteristischen Hautveränderungen der Schuppenflechte (Psoriasis) bleiben bei der Hälfte der Betroffenen nicht an der Oberfläche, wie der Rheumatologe Dr. Thomas Schwingenschlögl erklärt.

Fast jeder zweite Psoriasis-Patient entwickelt zusätzlich zur Schuppenflechte auch eine Psoriasis-Arthritis. Je schneller diese chronische Entzündungsreaktion erkannt und gebremst wird, desto eher können die Gelenke geschützt und Deformationen vermieden werden. Dr. Thomas Schwingenschlögl, Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie, klärt im Gespräch mit gesund.at über die Hintergründe dieser Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten auf.

Frage 1: Warum treten die Psoriasis und die Psoriasis-Arthritis so oft gemeinsam auf?

Dr. Thomas Schwingenschlögl: "Bei der Schuppenflechte handelt es sich um eine systemische Erkrankung, bei der es im gesamten Körper zu entzündlichen Prozessen kommen kann. Dieses Entzündungsgeschehen betrifft nicht nur die Haut, sondern im Rahmen der Psoriasis-Arthritis auch Gelenke, Sehnen oder die Wirbelsäule. Manchmal äußert sich diese systemische Erkrankung auch durch Entzündungen des Darms bzw. der Binde- oder Regenbogenhaut der Augen. Fast jeder zweite Psoriasis-Patient entwickelt Studien zufolge auch eine Psoriasis-Arthritis."

Frage 2: Bei welchen Symptomen sollte ein Rheumatologe aufgesucht werden?

Dr. Thomas Schwingenschlögl: "Wenn jemand drei bis vier Wochen lang an unklaren – also nicht durch z. B. sportliche Betätigung ausgelösten – Gelenksbeschwerden leidet, sollte ein Spezialist aufgesucht werden. Die Früherkennung ist vor allem deshalb wichtig, weil durch die Entzündungsaktivität die Gelenksknorpel angegriffen werden, was mit der Zeit die Gelenke zerstört. Dadurch kommt es zu einer Versteifung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Vor allem, wenn die Haut massiv von Schuppenflechte befallen ist oder Veränderungen an den Finger- und Zehennägeln auftreten, steigt das Risiko, dass sich auch die Gelenke entzünden."

Frage 3: Was unterscheidet die Psoriasis-Arthritis von anderen rheumatischen Erkrankungen und wie erkennt man sie?

Dr. Thomas Schwingenschlögl: "Bei vielen rheumatischen Erkrankungen handelt es sich um eine Störung des Immunsystems, also eine Autoimmunerkrankung, wodurch es zu chronischen Entzündungen der Gelenke kommt. Das Spezifische an der Psoriasis-Arthritis ist, dass sie ein typisches Verteilungsmuster aufweist. Die großen Gelenke wie Knie und Sprunggelenke sind häufiger betroffen als bei anderen Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Im Gegensatz etwa zur chronischen Polyarthritis sind bei den Fingern und Zehen oft die Mittel- und Endgelenke statt der Grundgelenke betroffen und die Psoriasis-Arthritis tritt außerdem häufig nur einseitig auf. Typisch ist auch die sogenannte Daktylitis, wo es zu einer Entzündung eines gesamten Fingers bzw. einer gesamten Zehe kommt – dabei spricht man auch von Wurstfingern oder -zehen. Im Bereich der Wirbelsäule ist vor allem der Lendenbereich betroffen, während bei anderen rheumatischen Erkrankungen eher die Halswirbelsäule in Mitleidenschaft gezogen wird. Schleimbeutel- und Sehnenentzündungen, etwa bei der Achillessehne, sind klassische Erscheinungsformen der Psoriasis-Arthritis."

Frage 4: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Dr. Thomas Schwingenschlögl: "An den entzündlichen Prozessen im Rahmen der Psoriasis bzw. der Psoriasis-Arthritis sind viele verschiedene Zellen und Botenstoffe beteiligt. Dabei gibt es eine Art Dominoeffekt: Wenn einer dieser Dominosteine umkippt, werden andere aktiviert, eine sogenannte Entzündungskaskade wird dann in Gang gesetzt. Ziel der Therapie ist es, diesen Vorgang zu bremsen. Dazu stehen synthetische Basismedikamente wie Methotrexat, Leflunomid oder Sulfasalazin zur Verfügung, die laut den Richtlinien medizinischer Fachgesellschaften immer als Erstes verordnet werden sollten – auch aus Kostengründen. Verschaffen diese keine Erleichterung, geht der Arzt zu biologischen Basismedikamenten (Biologika) über, die jene Botenstoffe bremsen, die die Entzündungen auslösen. Solche Medikamente werden meist in Form von Spritzen oder Infusionen verabreicht. Zuletzt gibt es noch eine ganz neue Gattung von Medikamenten, die sogenannten ‚Small Molecules’, die direkt ins Zellinnere eindringen und dort die Informationswege blockieren, die zu einer Entzündungsreaktion führen. Diese Medikamente, beispielsweise der Wirkstoff Apremilast, können als Tabletten eingenommen werden. Dass ein Patient auf ein Medikament nicht anspricht, ist leider oft der Fall – aber je mehr verschiedene Arzneimittel zur Verfügung stehen, die auf unterschiedliche Weise die entzündlichen Prozesse unterbinden, desto eher findet sich eine individuell passende Therapie."

Frage 5: Was sollten Patienten mit Psoriasis-Arthritis außerdem beachten?

Dr. Thomas Schwingenschlögl: "Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass sich eine Änderung des Lebensstils positiv auf eine bestehende Psoriasis-Arthritis auswirken kann. An erster Stelle sollte der Rauchstopp stehen, da das Rauchen nachweislich den Krankheitsverlauf verschlechtert. Ganz wichtig ist auch die regelmäßige körperliche Bewegung. Patienten, die keine Einschränkungen haben, können jede Sportart ausüben, solange ihnen die Gelenke dabei nicht wehtun. Wenn schon Schädigungen der Knorpelmasse aufgetreten sind, sollten hingegen gelenkschonende Sportarten wie Schwimmen und Nordic Walking gewählt werden. Heilgymnastik und Muskelaufbau stellen ebenfalls sinnvolle Ergänzungen dar. Auch in Bezug auf die Ernährung sind entzündungshemmende Eigenschaften gewisser Lebensmittel bekannt. Etwa in Meeresfischen wie Lachs, Makrele oder Hering sind Omega-3-Fettsäuren enthalten, auch in pflanzlichen Ölen oder Fischölkapseln finden sich diese. Obst, Gemüse und Salat sollten bei chronisch entzündlichen Erkrankungen oft auf dem Speiseplan stehen, dafür sollte sparsam mit dem Verzehr von tierischen Fetten und Süßigkeiten umgegangen werden. Mageres Fleisch und Milchprodukte sind dagegen normalerweise kein Problem. Wenn Übergewicht vorliegt, ist eine kalorienreduzierte Ernährung wichtig. Vom Konsum von größeren Mengen an Alkohol und Softdrinks raten Studien ab."

AUTOR


Mag. Marie-Thérèse Fleischer, BSc


ERSTELLUNGSDATUM


01.02.2018
MEDIZINISCHER EXPERTE
Dr. Thomas Schwingenschlögl
Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie, Ernährungsmediziner
QUELLEN
Interview mit Dr. Thomas Schwingenschlögl
Dr. Thomas Schwingenschlögl: Schuppenflechte: Angriff auf Gelenke und Organe, 2016
Dr. Thomas Schwingenschlögl: Schuppenflechte: Angriff auf den ganzen Körper, 2017