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Herdenimmunität: Schutz für sich selbst und die anderen

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Je höher die Durchimpfungsrate ist, desto besser sind auch die nicht Immunisierten geschützt. (fizkes / shutterstock.com)

Von Herdenummunität spricht man, wenn der eigene Impfschutz auch zum Schutz der Gemeinschaft beiträgt. Von Bedeutung ist das vor allem für jene Personengruppen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht geimpft werden dürfen.

Univ.-Doz. Dr. Ursula Hollenstein, Fachärztin für innere Medizin und Infektiologie und Tropenmedizin erklärt, warum das Musketierprinzip „einer für alle, alle für einen“ gleichzeitig Beweggrund zum Impfen sein sollte.

Das „Rundum-Sorglos-Ticket“ – ein bildhafter Vergleich

Vorweg, zum besseren Verständnis: ein geringer Prozentsatz der mit öffentlichen Verkehrsmittel Reisenden fährt ohne gültigen Fahrschein und kommt dennoch ans Ziel. All jene, die ihr Ticket ordnungsgemäß erwerben gleichen auch die dadurch entstandenen Verluste aus und tragen so zur Deckung aller für den Transport erforderlichen Kosten bei – sie sorgen für die Aufrechterhaltung des Betriebs. Je mehr Menschen schwarzfahren, desto fragiler wird das System jedoch. Würden alle Reisenden auf den Kauf des Tickets verzichten, wäre das Unternehmen auf kurz oder lang gezwungen, seine Dienstleistung einzustellen. 

 

Menschen mit gültigem Ticket schließen also die defizitäre Lücke der Schwarzfahrer. Auf das Thema Impfungen bezogen bedeutet das: Ist ein hoher Prozentanteil der Bevölkerung geimpft, profitieren die nicht geimpfte Personengruppen ebenfalls von einem Infektionsschutz. 
 

Was versteht man Herdenimmunität?

„Die Herdenimmunität bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass durch eine große Menge an geschützten, immunen Leuten Infektionen nicht mehr so leicht von A nach B kommen und damit die Ausbreitung eines Infektionserregers in der Gemeinschaft verhindert oder zumindest erschwert wird“, erklärt Hollenstein das genaue Prinzip dahinter und nennt als Ziel so viele immunisierte Menschen, dass „bei Einschleppung eines Erregers  – woher auch immer – gar keine Ausbreitungsmöglichkeit mehr besteht.“ 

 

Die Herdenimmunität birgt demnach zwei große Vorteile: 

  • Schutz der Schwächsten: Geimpfte Menschen schützen die nicht Immunisierten insofern, als dass der Erreger erst gar nicht zu ihnen gelangen kann. 


    Ein Beispiel: Bei Erwachsenen kann Keuchhusten (Pertussis) relativ glimpflich verlaufen. Bei nicht immunisierten Säuglingen kann eine Infektion zum Atemstillstand führen. 

  • Ausrottung von Infektionskrankheiten: Ist eine bestimmte Durchimpfungsrate erreicht, verschwindet das Virus oder das Bakterium, weil es sich nicht ausbreiten kann.
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Die Impfung erschwert die Ausbreitung eines Krankheitserregers.

Univ.-Doz. Dr. Ursula Hollenstein, Fachärztin für innere Medizin und Infektiologie und Tropenmedizin

Was versteht man unter der Durchimpfungsrate?

Impfmüdigkeit ist der größte Feind der Herdenimmunität. Sinkt die Durchimpfungsraten, sind zwar die Geimpften selbst geschützt, allerdings entfällt der wertvolle Schutz für die Gesellschaft. „Die Durchimpfungsrate ist je nach Erkrankung anders“, weiß die Infektiologin und nennt zwei wesentliche Faktoren, die Einfluss auf den jeweils erforderlichen Prozentsatz haben: "Die nötige Durchimpfungsrate hängt einerseits von der Wirksamkeit der Impfung, vor allem aber von der Infektiosität  der Erkrankung ab.“ 

 

Heißt also: je infektiöser eine Erkrankung ist, umso höher muss die Durchimpfungsrate sein, um einen Herdenschutz zu gewähren. 

 

Als Maß für die Infektiosität werden alle neuen Krankheitsfälle herangezogen, die sich aus der Ansteckung von einer Einzelperson ergeben. „Aus dieser Zahl lässt sich errechnen, wie viele immune Menschen es bedarf, damit sich die Krankheit nicht ausbreiten kann“, schildert die Expertin. Um Masern den Kampf anzusagen, sollte die Durchimpfungsrate beispielsweise bei 95 Prozent liegen. 
 

Wer darf nicht geimpft werden?

Manche Menschen sind von Impfungen ausgenommen. „Das betrifft vor allem Lebendimpfungen, also Impfstoffe mit abgeschwächten, aber vermehrungsfähigen Viren wie zum Beispiel solche gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken und auch Gelbfieber“, weiß Hollenstein und verweist auf die Ursache: „Die Lebensimpfungen bedürfen eines funktionierenden Immunsystems, damit sie nicht nur wirksam, sondern auch nicht gefährlich sind. 

 

Personengruppen, die nicht mit Lebendimpfstoffen geimpft werden dürfen sind: 

  • Menschen mit eingeschränktem Immunsystem: Betroffen sind vor allem Personen mit angeborenen Immundefekten, HIV und Autoimmunerkrankungen. Auch Medikamente nach Organtransplantationen und Therapeutika gegen Krebserkrankungen schwächen das Immunsystem. 

  • Neugeborene / Säuglinge: Manche Impfungen sind erst ab einem gewissen Lebensalter machbar. 
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Ein funktionsfähiges Immunsystem ist die Voraussetzung, um mit Lebendimpfstoffen geimpft werden zu können.

Univ.-Doz. Dr. Ursula Hollenstein, Fachärztin für innere Medizin und Infektiologie und Tropenmedizin

Impfungen für jeden Einzelnen

Der Herdenschutz kann den Individualschutz, also die Schutzwirkung, die jeder einzelne durch die Impfung erfährt, nicht immer ersetzen. 

 

Zwei Gründe kommen hierfür in Frage: 

  • Der Erreger kommt von einer äußeren Quelle: Nicht alle Erkrankung werden von Mensch zu Mensch weitergegeben. Auch äußere Quellen können Viruserkrankungen übertragen – das ist klassischerweise bei FSME der Fall. „Da wird man von der Zecke gestochen und die überträgt den Erreger. Der FSME-Geimpfte neben mir kann also keinen Schutz gewähren“, so Hollenstein. 

  • Besondere Impfstoffe: Manche Impfstoffe schützen zwar vor dem Krankwerden, können aber keine Besiedelung verhindern. Der Geimpfte ist geschützt, aber trotzdem infektiös und kann die Krankheit weitergeben. 
AUTOR


Mag. Sylvia Neubauer


ERSTELLUNGSDATUM


19.02.2019
MEDIZINISCHER EXPERTE
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Univ.-Doz. Dr. Ursula Hollenstein
Foto (c): privat
Fachärztin für innere Medizin und Infektiologie und Tropenmedizin

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