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Leukämie

Darstellung eines leukämischen Blutkörperchens
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Bei Leukämie (Blutkrebs) kommt es bei der Bildung von Blutkörperchen zu einer Störung, es bilden sich Krebszellen. (psdesign1 / Fotolia.com)

Leukämie (Blutkrebs) ist eine Störung der Bildung von Blutkörperchen. Diese Krebsform ist im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen eher selten. In Österreich erkranken knapp über 1.000 Menschen jährlich an einer Form von Leukämie.

Am häufigsten sind die Formen der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) bzw. der akuten myeloischen Leukämie (AML). Im Vergleich dazu erkranken in Österreich pro Jahr etwa 4 Mal so viele Menschen an Lungenkrebs. Durch die vermehrte Bildung der weißen Blutkörperchen entsteht bei Leukämie eine Blutarmut, die sich durch eine Mangelversorgung der sauerstofftransportierenden roten Blutkörperchen bemerkbar macht. Sichtbare Symptome können verstärkte Müdigkeit und Blässe sein. Die Heilungschancen sind bei Kindern und Erwachsenen sehr unterschiedlich und hängen auch davon ab, ob sich der Blutkrebs neu bildet. In bis zu 40 % aller Fälle kann das erfolgen. Die Heilungschancen werden erhöht, wenn eine Stammzellentransplantation möglich ist.

Wie häufig ist Leukämie?

Knapp über 1.000 Patienten erkranken jährlich an einer Form der Leukämie. Es ist aufgrund der steigenden Lebenserwartung anzunehmen, dass diese Zahl künftig noch zunimmt. Die häufigsten Formen von Leukämie (CLL gefolgt von AML, CML und ALL) sind im höheren Alter sehr viel häufiger als bei jungen Menschen.

Was ist Leukämie?

Leukämie ist eine Störung der Bildung von Blutkörperchen. Das Blut besteht aus 3 Komponenten:

  • rote Blutkörperchen (Erythrozyten)
  • weiße Blutkörperchen (Leukozyten)
  • Blutplättchen (Thrombozyten)

Die Blutkörperchen werden im Knochenmark durch die Blut-Stammzellen gebildet. Die Produktion von weißen und roten Blutkörperchen wird durch einen hormonellen Regelkreis gesteuert. Ist das genetische Programm der weißen Blutkörperchen gestört, kommt es zu einer Überproduktion von weißen Blutkörperchen und einem Mangel an roten Blutkörperchen. Die weißen Blutkörperchen entarten, verdrängen gesunde Knochenmarkszellen und können ihre ursprüngliche Aufgabe, nämlich den Körper vor Infektionen zu schützen, nicht mehr wahrnehmen.

 

Leukämie kann in jeder Altersstufe vorkommen, die einzelnen Arten sind jedoch in einem bestimmten Lebensalter besonders häufig. Je nach Art und Verlauf der Erkrankung unterscheidet man 4 Arten von Leukämien:

  • akute lymphatische Leukämie (ALL)
  • chronische lymphatische Leukämie (CLL)
  • akute myeloische Leukämie (AML)
  • chronische myeloische Leukämie (CML)


Akute lymphatische Leukämie (ALL)

Die akute lymphatische Leukämie (ALL) ist eine lebensbedrohliche bösartige Erkrankung. Sie tritt zwar eher selten auf, ist aber mit rund 80 % die häufigste Blutkrebserkrankung bei Kindern und Jugendlichen und bedarf einer komplizierten Diagnostik. Auch die Therapie muss, wie die Diagnostik, an einem spezialisierten Zentrum durchgeführt werden, denn im Verlauf der Erkrankung können auch die Hirnhäute befallen werden.
 

Chronische lymphatische Leukämie (CLL)

Die CLL ist eine Erkrankung des lymphatischen Systems und gehört eigentlich zur Krankheitsgruppe der Lymphome. CLL entsteht meist nach dem 50. Lebensjahr. Die entarteten Lymphomzellen befinden sich in den lymphatischen Organen, wie z. B. im Knochenmark oder in den (vergrößerten) Lymphknoten sowie der Milz und sind auch im Blut nachweisbar. Der Anteil der Lymphozyten im Blut kann bei Erkrankten bis zu 95 % betragen. Die Erkrankung wird daher auch oft als "Lymphdrüsenkrebs" bzw. als "Non-Hodgkin-Lymphom" bezeichnet.
 

Akute myeloische Leukämie (AML)

Sie ist die häufigste Leukämieart bei Erwachsenen im mittleren Alter. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass Myeloblasten oder Monoblasten, also Vorläufer von Leukozyten, vermehrt auftreten.
 

Chronische myeloische Leukämie (CML)

Im Blut befinden sich wesentlich mehr Leukozyten als im Normalfall, die Erkrankung tritt fast nur bei Erwachsenen auf.

Welche Ursachen können Leukämie auslösen?

Die Ursachen, die die Entstehung von Leukämie begünstigen, sind noch weitgehend unbekannt. Bei der Mehrzahl der Patienten findet sich kein auslösender Faktor in der Vorgeschichte (im Gegensatz zu vielen soliden Tumoren wie z. B. Lungenkrebs).

Leukämie-Symptome

Bei Leukämie kommt es u. a. zu einer gestörten Blutgerinnung und einem Mangel an Blutplättchen, die sich durch starke Blutungen (Nasenbluten, Zahnfleischbluten) äußern kann. Werden die "unreifen" Zellen aus dem Knochenmark ausgeschwemmt, können sie sich an Schleimhäuten in anderen Bereichen des Körpers ansiedeln und dort Blutungen hervorrufen, wie z. B. Zahnfleischbluten oder – wenn sie sich in den Lymphknoten ansiedeln – zu Vergößerungen der Lymphknoten führen. Auch Beschwerden wie Druck im Oberbauch oder Bauchschmerzen können durch eine vergrößerte Milz entstehen, wenn sich diese Zellen dort ansiedeln. Betroffene klagen häufig über

  • Müdigkeit, Erschöpfung und Leistungsknick
  • Neigung zu blauen Flecken (Hämatomen)
  • ungewollter Gewichtsverlust
  • Abgeschlagenheit und Energielosigkeit
  • Auch nächtliche Schweißausbrüche können Anzeichen der Erkrankung sein
  • Blässe
  • Fieber

​​​​​​​Eine geschwächte Immunabwehr, die sich durch die Fehlsteuerung der Blutkörperchen erklären lässt, kann dazu führen, dass es häufiger als üblich zu Infekten kommt.

Diagnose

In einem ausführlichen Gespräch mit dem Arzt wird die Krankengeschichte erhoben (Anamnese). Betroffene sollten in jedem Fall über alle während der letzten Wochen bzw. Monate bemerkten Symptome sprechen.
 

Laboruntersuchung

Die Leukämie lässt sich nur mit einer umfassenden Blutuntersuchung und einer zumeist zusätzlich erforderlichen Knochenmarkuntersuchungverlässlich diagnostizieren. Eine Blutuntersuchung zeigt, welche Leukozyten sich bösartig verändert haben. Die Zellen werden auf einer Glasplatte ausgestrichen und genau auf ihre Eigenschaften hin untersucht. Man bezeichnet dieses Verfahren als Zytochemie. Der Arzt kann anhand der Färbung dieser ausgestrichen Zellen erkennen, um welche Art von Erkrankung es sich handelt. Besser können die Zellen jedoch noch durch eine Immunphänotypisierung zugeordnet werden. Liegt der Verdacht auf diese Erkrankung vor, erfolgt auch eine Untersuchung des Knochenmarks. Dieses wird aus dem Beckenknochen in lokaler Betäubung entnommen und untersucht, ob sich Tumorzellen darin angesiedelt haben.

 

Genetische Untersuchung

Eine zytogenetische und eine molekulargenetische Untersuchung unterstützen die Diagnosestellung, geben Hinweise auf die Prognose der Erkrankung und damit auf die erforderliche Behandlungintensität, sowie auf angreifbare Mechanismen der Tumorprogression. Letztere können mit neuen Medikamenten gezielt beeinflusst werden.

Bei der zytogenetischen Untersuchung werden die Chromosomen der Leukämiezellen und ihr Erbgut untersucht. So etwa liegt bei Betroffenen, die an chronisch myeloischer Leukämie leiden, meist das sogenannte Philadelphia-Chromosom vor. Auch bei akut myeloischer Leukämie treten häufig Chromosomenveränderungen auf, die sich mithilfe einer zytogenetischen Untersuchung feststellen lassen und so eine adäquate, maßgeschneiderte Behandlung ermöglichen.

 

Lumbalpunktion 

Eine Lumbalpunktion kann erforderlich sein, wenn es sich um eine akute Form der Leukämie handelt und der Verdacht besteht, dass auch die Hirnhaut betroffen ist. Bei dieser Untersuchung wird Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) aus der Wirbelsäule im Lendenbereich entnommen. Eine genaue Untersuchung zeigt, ob im Liquor Tumorzellen vorhanden sind.
 

Immunphänotypisierung

Dieses Verfahren bezeichnet eine spezielle Laboruntersuchung. Dabei werden die Oberflächenmerkmale einer Zelle genau untersucht, indem sie mit fluoreszierenden Antikörpern gefärbt werden. Dadurch lässt sich der genaue Krankheits-Typus feststellen. Vor allem die akute lymphatische, akute myeloische und die chronisch lymphatische Leukämie lassen sich mit diesem Verfahren sicher diagnostizieren. Mehr noch: mithilfe der Immunphänotypisierung lässt sich auch feststellen, welche Untergruppe der weißen Blutkörperchen sich bösartig verändert hat. Mit dieser Diagnose ist es möglich, eine für jeden Tumortyp und jeden Patienten individuelle Therapie einzuleiten.
 

Computertomographie (CT)

Eine Computertomographie ist nötig, um festzustellen, ob der Bauchraum, bzw. ob Organe wie Leber, Milz oder Niere von Tumorzellen befallen sind. Die Organe sind in diesem Fall vergrößert, durch das CT ist dies gut erkennbar. Eine wichtige Fragestellung der CT ist auch, ob Lymphknotenvergößerungen oder Tumoren im Brustraum (Mediastinum) zu sehen sind.

 

Klagt der Betroffene über Knochenschmerzen, ist eine Kombination aus Magnetresonanztherapie (MRT) und CT oder einer Szintigraphie nötig, um etwaige Veränderungen sichtbar zu machen. Eine Szintigraphie ist eine nuklearmedizinische Untersuchung, bei der Radiopharmaka, also leicht radioaktive Substanzen in den zu untersuchenden Bereich eingebracht werden.

Therapie der Leukämie

Die Leukämiebehandlung wird durch neue Konzepte immer effektiver, aber auch immer komplexer, daher sollte sie in spezialisierten Zentren bzw. durch spezialisierte Ärzte erfolgen. Dies trifft in ganz besonderem Maße auf die akuten Leukämien zu, bei denen eine große Zahl der jüngeren Patienten bereits geheilt werden kann.

 

Lange Zeit galt die Chemotherapie als Standardbehandlung von Leukämien. Mittlerweile wird die CML in der chronischen Phase völlig chemotherapiefrei behandelt, auch für die CLL gibt es seit kurzem chemo-freie Behandlungskonzepte. Ebenso stehen für die ALL als auch für die AML seit einigen Jahren chemo-freie Konzepte zur Verfügung (gezielte Therapie mit neuen Substanzen/Tabletten, sowie auch Immuntherapien), welche zum jetzigen Zeitpunkt zumindest schon die Chemotherapie ergänzen, und diese in Zukunft immer weiter in den Hintergrund drängen werden.
 

Akute Leukämien

Die Chemotherapie erfolgt bei akuten Leukämien, wie ALL und AML, zunächst sehr intensiv. Der erste Zyklus, die "Induktionschemotherapie" hat das Ziel, die kranken Zellen zurückzudrängen, sodass sie nach 4 Zyklen nicht mehr im Blut und im Knochenmark nachweisbar sind. Statistisch gesehen sind die kranken Zellen bei 80 % der ALL-Betroffenen bereits nach 2 Zyklen nicht mehr nachweisbar. Um jedoch den Therapieerfolg zu sichern, werden 2 weitere Chemotherapiezyklen durchgeführt.

 

Bei etwa 50 % der Betroffenen unter 60 Jahren gelingt dies innerhalb von 5 Jahren, bei den über 60-Jährigen sind bei jedem 5. Betroffenen nach 5 Jahren keine Tumorzellen nachweisbar. Leukämiezellen können im Falle einer ALL das Gehirn befallen, daher werden zusätzlich zur chemotherapeutischen Behandlung Zytostatika direkt in das Rückenmarkswasser injiziert. Auch eine Bestrahlung des Kopfes ist indiziert.

 

ATRA (All-trans-retin-acid), ein Vitamin-A-Derivat, ist der Wirkstoff, mit dem bisher u. a. eine Sonderform der akuten lymphatischen Leukämie behandelt wurde: die akute promyelozytäre Leukämie (APL) entsteht aufgrund eines fehlerhaften Gens und verursacht eine "Genverschmelzung", diese wiederum führt zu einer Entartung der Knochenmarkszellen. Eine Kombination aus ATRA und Arsentrioxid (ATO) kann die Überlebensrate auf 98 % steigern.

 

Chronische Leukämien

Die chronisch myeloische Leukämie (CML)

Diese kann durch eine Hochdosis-Chemotherapie mit einer Stammzellen-Transplantation behandelt werden. Dazu erfolgt eine Knochenmarks- oder Blutstammzellen-Transplantation, die zur Heilung führen kann. Der Eingriff ist allerdings risikoreich und nur bei einem Teil der Betroffenen möglich. Patienten müssen nach einer Knochenmarks-Transplantation lebenslang immunsuppressive Medikamente einnehmen.

 

Der Goldstandard jedoch ist die Behandlung mit zielgerichteten Therapeutika, genauer gesagt mit dem Tyrosinkinasehemmer Imatinib. Dieser Wirkstoff hemmt die Aktivität des Enzyms Tyrosinkinase. Dieses Enzym wird nur von Leukämiezellen gebildet. Das Medikament kann das Fortschreiten der Erkrankung hemmen und verhindern, dass es neuerlich zur Bildung bösartiger Zellen kommt. Mittlerweile sind auch mehrere Tyrosinkinasehemmer (TKI) verfügbar. Diese sind so gut wirksam, sodass die allogene Stammzelltransplantation nur noch in ausgewählten Einzelfällen zum Einsatz kommt (z. B. bei jüngeren Patienten und bei Versagen mehrerer TKI).

 

Auch Interferone können das Wachstum bösartiger Tumorzellen hemmen. Interferone sind Botenstoffe, die eine "Kommunikation" der körpereigenen Abwehrzellen ermöglichen.

 

Chronisch lymphatische Leukämie (CLL)

Zur Behandlung der CLL stehen Chemotherapien und chemo-freie Konzepte zur Verfügung. Eine spezielle Ausprägung der Erkrankung ist die chronisch lymphatische Leukämie vom B-Zell-Typ (B-CLL). Für diese Patienten ist eine alleinige Chemotherapie nicht sinnvoll, da diese nicht ausreichend auf die Medikamente ansprechen. Eine weitere Therapieoption bieten in diesem Fall Kombinationen mit sogenannten monoklonalen Antikörpern an, zum Beispiel Rituximab, Obinotuzumab und Ofatumumab). Zur Behandlung der CLL werden ebenfalls Zytostatika eingesetzt, mittlerweile routinemäßig mit einer Antikörpertherapie kombiniert. Die Behandlung ist bei diesen Formen zwar weniger aggressiv, doch sie mündet meist in eine Dauerbehandlung. Die Erkrankung kann aus heutiger Sicht zwar nicht geheilt werden, doch die Beschwerden können weitgehend und langfristig gemildert werden.

MINI MED Vortrag zum Nachhören

Diagnose Blutkrebs: Fortschritt in der Behandlung & Ausblick

(Linz, 4.2.2020)

 

Referent: Prim. Univ.-Prof. Dr. Andreas Petzer

AUTOR


Dr. Doris Simhofer
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Emanuel Munkhambwa


ERSTELLUNGS-/
ÄNDERUNGSDATUM


17.10.2014 / 16.01.2020
MEDIZINISCHER EXPERTE
OA Dr. Adalbert Weißmann
Zentrum für Onkologie und Hämatologie, 1. Medizinische Abteilung, Wilhelminenspital, Wien
QUELLEN
Basics Hämatologie, M. Michl, Urban und Fischer Verlag, 1. Auflage, München, 2010
The New England Journal of Medicine, July 11, 2013 vol. 369 no. 2, „Retinoic Acid and Arsenic Trioxide for Acute Promyelocytic Leukemia", N Engl J Med 2013;369:111-21. DOI: 10.1056/NEJMoa1300874

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