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Kaufsucht: Wenn Shoppen zum Problem wird

Kaufsucht hängt oft mit Mode zusammen
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Shoppen unter Zwang verursacht die Vernachlässigung anderer Lebensbereiche (redaktion93 / Fotolia.com)

Den unwiderstehlichen Drang einzukaufen verspürt zirka jeder 9. Österreicher. Zusätzlich ist das Kaufverhalten von jedem 4. so ausgeprägt, dass es in Kaufsucht übergehen könnte.

Frauen sind besonders oft betroffen. Ursachen können geringer Selbstwert, gestörte Impulskontrolle oder eine veränderte Wirkweise im Belohnungszentrum des Gehirns sein. Depressionen, Angst-, Zwangs- und Essstörungen sind häufig damit verbundene Krankheiten. Was oft als Frustkauf beginnt, wird eine Gewohnheit, die von negativen Gefühlen ablenken soll. Wie bei anderen Süchten (z. B. Alkohol, Drogen) muss mit der Zeit die Dosis gesteigert werden, um (kurzfristig) einen angenehmen Gemütszustand zu erreichen. Die Folgen: Schwere finanzielle Probleme, Verlust von sozialen Netzwerken, Wohnung und Job. Medikamentöse Therapien und Psychotherapie (u.a. kognitive Verhaltenstherapie) dienen der Behandlung.

Häufigkeit

Den aktuellsten verfügbaren Erhebungen zufolge sind etwa 11 % aller Österreicher von einer reinen Kaufsucht betroffen. Darüber hinaus sollen weitere 24 % kaufsuchtgefährdet sein. Fast 70 % der Betroffenen sind Frauen, wobei bei beiden Geschlechtern die Gruppe der unter 30-Jährigen besonders anfällig für Konsumsucht ist. Die Anzahl der alleinstehenden Personen ist unter den Kaufsuchtgefährdeten doppelt so hoch wie bei Menschen mit nicht zwanghaftem Konsumverhalten.

Ursachen/Symptome/Verlauf

Kaufsucht entsteht häufig aus der Verhaltensgewohnheit, einzukaufen, um negative Gefühle auszublenden – der klassische Frustkauf. Nach und nach wird diese Gewohnheit bei manchen zur Sucht, zum einzigen Verhalten, das einen angenehmen Gemütszustand verursachen kann. Die Betroffenen haben nicht gelernt, mit negativen Gefühlen umzugehen und erwarten sich von der Shoppingtour Erleichterung. Studien zeigen, dass sich die negativen Gefühle tatsächlich verringern, jedoch ist dieser Effekt nur von kurzer Dauer. Das Einkaufen wird also zur Ersatzhandlung für die Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen: Anstatt frustrierende Erlebnisse, Traurigkeit oder Misserfolge zu verarbeiten, wird eingekauft, um diese zu vergessen.

 

Als Ursachen der Kaufsucht werden verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen. Einerseits könnten Hirnprozesse – vor allem die Ausschüttung von "Belohnungshormonen" – für das zwanghafte Kaufen verantwortlich sein. Andererseits wird auch mangelnde Impulskontrolle, also die mangelnde Kontrolle über plötzlich auftretende Wünsche, als Grund für Kaufsucht gehandelt. Zudem kaufen viele Betroffene ein, um ihren niedrigen Selbstwert zu heben. Vor allem aber ist Kaufsucht ein kulturelles Phänomen: Lediglich in westlichen Ländern, in denen viele Güter zur Auswahl stehen und auch regelmäßiges Einkommen verfügbar ist, tritt sie in relevantem Ausmaß auf.

 

Zu den Symptomen einer Kaufsucht gehören folgende Verhaltensweisen:

  • Der Kaufwunsch ist so stark ausgeprägt, dass ihm kaum widerstanden werden kann. Beginn und Dauer des Kaufrausches können schwer vom Betroffenen kontrolliert werden.
  • Es muss immer häufiger eingekauft werden, um den gewünschten Gefühlszustand zu erreichen (Dosissteigerung).
  • Das Gekaufte wird kaum benutzt, sondern eher gesammelt und gehortet. Andere Interessen und Hobbys werden vernachlässigt.
  • Es wird weiter eingekauft, obwohl das Verhalten bereits negative Konsequenzen nach sich zieht (z. B. Verschuldung).
  • Wenn nicht eingekauft werden kann, treten Entzugserscheinungen auf, wie das unangenehme Gefühl, eine wichtige Einkaufsgelegenheit zu verpassen.

Häufig treten andere psychische Störungsbilder gemeinsam mit Kaufsucht auf. Darunter fallen:

  • Affektive Störungen, v.a. Depressionen
  • Zwangsstörungen
  • Angststörungen
  • Essstörungen, v.a. Binge-Eating-Störung
  • Abhängigkeit von Suchtmitteln, z.B. Alkohol, Nikotin, Drogen

Wenn das zwanghafte Kaufverhalten aufrecht bleibt, kommt es zur Vernachlässigung aller anderen Lebensbereiche. Das kann neben finanziellen Problemen und Verschuldung auch zu Eheproblemen bis hin zum Verlust von sozialen Netzwerken, Wohnung und Arbeit führen. Häufig kommen noch Depressionen hinzu, da die Situation ausweglos erscheint.

Diagnose

Kaufsucht bleibt oft lange unerkannt, da das Einkaufen bis zu einem gewissen Grad zum täglichen Leben dazugehört. Oftmals verstecken Kaufsüchtige ihre Einkäufe aus Scham auch vor Angehörigen und Freunden. Wenn die Betroffenen nicht selbst Hilfe suchen, wird das Problem oft erst dann entdeckt, wenn die finanzielle Not bereits groß ist.

 

Die Diagnose Kaufsucht kann mithilfe von verschiedenen Fragebögen gestellt werden, in Kombination mit einem eingehenden Gespräch über Kaufwünsche und -gewohnheiten mit Arzt oder Therapeut. Zudem müssen eventuell bestehende andere psychische Störungen und Abhängigkeiten abgeklärt werden.

Therapie von Kaufsucht

Für die Behandlung von Kaufsucht gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Entweder kann mit Medikamenten gearbeitet werden: Hierfür werden unter anderem Mittel zur Bekämpfung von Sucht (wie bei Alkoholabhängigkeit) oder Depressionen verabreicht. Gerade wenn Patienten zusätzlich zur Kaufsucht auch an Depressionen leiden, macht eine medikamentöse Therapie Sinn.

 

Andererseits können mithilfe der kognitiven Verhaltenstherapie, auch in Gruppensitzungen, gute Erfolge bei den Betroffenen erzielt werden. Dabei geht es vor allem darum, unpassende Gedanken und Gefühle wie z. B. "Wenn ich das jetzt nicht kaufe, bekomme ich es nie wieder so günstig" oder "Der Kauf dieses Kleids wird mich glücklich machen" wieder vom Akt des Einkaufens zu entkoppeln.

 

Mittlerweile geht man jedoch dazu über, das Suchtverhalten als Symptom oder Folgestörung zu sehen. Das bedeutet, dass nicht nur das unangepasste Verhalten – zwanghaftes Kaufen – behandelt wird, sondern auch das zugrundeliegende Problem, meist, dass die Person nicht gelernt hat, mit negativen Gefühlen umzugehen. In der Psychotherapie müssen die Betroffenen daher lernen, sich mit diesen Gefühlen auseinanderzusetzen und andere Coping-Strategien zu entwickeln, als bei schlechter Stimmung einkaufen zu gehen.

Was kann der Betroffene zusätzlich tun?

Sich einzugestehen, dass das ständige Einkaufen zu einem Problem geworden ist, ist der erste Schritt zur Besserung. Betroffene sollten ihr Leben wieder mit anderen Aktivitäten bereichern und sich neue Aufgaben und Hobbys suchen. Diese lenken vom Kaufzwang ab und bieten Möglichkeiten, Glücksgefühle auch durch andere Verhaltensweisen herbeizuführen.

 

Zusätzlich können Betroffene auf Kreditkarten verzichten, um unbedachtes Geldausgeben einzuschränken, und nur in Begleitung von Freunden, die nicht kaufsüchtig sind, einkaufen gehen. Auch das Führen eines Haushaltsbuches, in dem die Ausgaben notiert werden, kann bei Kaufsucht helfen.

AUTOR


Mag. Marie-Thérèse Fleischer, BSc
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Michael Leitner


ERSTELLUNGS-/
ÄNDERUNGSDATUM


23.06.2014 / 15.10.2020
MEDIZINISCHER EXPERTE
Dr. Wolfgang Gombas
Arzt für psychosomatische Medizin, Systemischer Psychotherapeut
LETZTES REVIEW
QUELLEN
Interview mit Dr. Wolfgang Gombas, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapeut, am 21.05.2014
D. W. Black: A review of compulsive buying disorder, In: World Psychiatry, 2007, 6, S. 14-18 M. Lejoyeux, A. Weinstein: Compulsive Buying, In: The American Journal of Drug and Alcohol Abuse, 2010, 36, S. 248-253
A. Müller et al.: Mood states preceding and following compulsive buying episodes: an ecological momentary assessment study, In: Psychiatry Research, 2012, 200, S. 575-580

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