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Avocado-Hand

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Das Aufschneiden einer Avocado verläuft nicht für alle Hände so glimpflich. (ivan kmit / Fotolia)

Die sogenannte Avocado-Hand entsteht oftmals aufgrund falscher Handhabung mit Messer und Frucht.

Ob iPhone-Schulter, SMS-Daumen oder Handy-Nacken – in der heutigen Zeit scheinen immer häufiger Krankheitsbilder zu entstehen, die dem Zeitgeist geschuldet sind. Ähnlich verhält es sich mit der sogenannten "Avocado-Hand", die ihren Namen einem britischen Arzt verdankt. Dieser stellte eine Zunahme an Handverletzungen fest, die sich Menschen beim Entkernen oder Schneiden von Avocados zuzogen und kombinierte, dass dies mit der wachsenden Beliebtheit derselben zu tun haben müsse. Er forderte deshalb Warnhinweise auf Avocados – ein Ansinnen, das in erster Linie für Kopfschütteln sorgte. "Handverletzungen, die auf diese Weise entstehen, bedürfen nicht unbedingt einer Beteiligung von Avocados.", erläutert der Handchirurg Dr. Veith Moser. "Vielmehr ist lediglich ein Lebensmittel nötig, das in der Hand liegend mit einem Messer bearbeitet wird und von dem man abrutscht oder durch das man hindurchschneidet."

Hochempfindliche Strukturen

Unsere Hände sind äußerst komplex: Neben 27 Knochen befinden sich Bänder, Streck- und Beugesehnen sowie ca. 30 Muskeln in unserem wichtigsten Werkzeug. Des Weiteren sind die drei Hauptnerven Nervus medianus, Nervus radialis und Nervus ulnaris sowie die Schlagadern Arteria radialis und Arteria ulnaris, die sich beugeseitig in der Hohlhand befinden, inklusive Begleitadern unverzichtbare Bestandteile. "All diese Strukturen müssen vollständig und intakt sein, um die Hände problemlos benutzen zu können.", so Dr. Moser. "Alles ist aufeinander abgestimmt und angewiesen, weshalb Verletzungen an den Händen besonders schwerwiegen."

Wird also in die Hand hineingeschnitten oder wird sie durchstochen, können massive Blutungen entstehen, Sehnen und Bänder durchtrennt oder Nerven verletzt werden. "Kommt es zu Nervendurchtrennungen, hat das nicht nur starke Schmerzen, sondern motorische Ausfälle zur Folge.", erläutert der auf Nervenchirurgie spezialisierte Experte Veith Moser. "Der Nervus medianus und der Nervus ulnaris versorgen Muskeln im Hand- und Unterarmbereich, während der Nervus radialis für Oberarm- und Unterarmmuskeln verantwortlich ist. Werden diese Nerven verletzt oder durchtrennt, muss schnell gehandelt werden." Stich- oder Schnittverletzungen, die eine ärztliche Versorgung nötig machen, müssen laut Dr. Moser innerhalb von sechs Stunden fachgerecht behandelt werden. "Andernfalls riskiert man Spätschäden bzw. lebenslange Einschränkungen." Werden Bänder und Sehnen verletzt oder durchtrennt, werden je nach Lage der Verletzung bzw. je nach Verletzungsmuster einfachste Bewegungen zum Problem oder nahezu unmöglich. Gefäßverletzungen wiederum können zu Minderdurchblutung bis zur kompletten Unterbrechung des arteriellen Blutstroms führen.

Adäquate Versorgung unabdingbar

Handverletzungen gehen mitunter mit hohem Blutverlust, Verlust von Fingern und/oder starken Schmerzen einher. Es ist also nicht verwunderlich, wenn Betroffene im Schock entsprechend reagieren. Dr. Veith Moser warnt: "Nicht jeder kann mit einer schweren Verletzung umgehen. Allerdings sollte man in einem solchen Fall versuchen, die Nerven zu bewahren. Steckt ein Messer in der Hand, ist dieses so zu belassen. Abgetrennte Finger sind auf Eis am besten aufgehoben, klaffende Wunden sauber abzudecken. Nach Möglichkeit sollte man umgehend einen Arzt aufsuchen - im Idealfall ein Spital mit einer Abteilung für Plastische Chirurgie und Handchirurgie." Mitunter schaffen es Verletzte, sich ins Auto zu setzen und selbst ins Spital zu fahren. Idealerweise sollte dies aber eine Begleitperson tun oder ein Rettungswagen alarmiert werden. "Wichtig ist, das Zeitfenster einzuhalten. Fachleute sehen auf den ersten Blick, wo das Problem liegt und können mittels Bildgebung und anderen Maßnahmen das Ausmaß der Verletzungen feststellen.", erklärt Veith Moser. "Nachdem jeder weiß, wie unverzichtbar unsere Hände sind, können entsprechende Maßnahmen möglichst zügig ergriffen werden, falls ein Patient sich in einem Spital befindet, das bestimmte Verletzungen nicht versorgen kann. Gerade Nervenverletzungen sind auf eine hohe Expertise des Operateurs angewiesen." Der Experte plädiert dafür, die Hände zu schützen, wenn man mit spitzen oder scharfen Gegenständen hantiert bzw. diese auf einer geraden Oberfläche zu platzieren, um sie schneiden zu können. "Viele Verletzungen, die ich als Handchirurg im Unfallkrankenhaus sehe, wären vermeidbar gewesen. Unsere Hände sind von enormer Wichtigkeit und - wenngleich robust - sehr anfällig für Verletzungsmuster, die meist aufgrund von Fahrlässigkeit entstehen."

AUTOR


Mag. Sonja Streit
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Michael Leitner


ERSTELLUNGSDATUM


23.10.2018
MEDIZINISCHER EXPERTE
OA Dr. med Veith Moser
Foto (c): OA Dr. med. Veith Moser (Foto: privat)
Facharzt für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, Handchirurgie und Nervenchirurgie sowie Oberarzt im AUVA Traumazentrum Wien am Standort Lorenz Böhler und Gründer des 1. Wiener Nervenschmerz Zentrums.
LETZTES REVIEW
QUELLEN
BASICS Plastische und ästhetische Chirurgie, Alperen Bingöl, Urban & Fischer, München, 2014
Gray´s Atlas der Anatomie, R.L. Drake, A.W. Vogl, A.W.M. Mitchell, R.M. Tibbitts, P.E. Richardson, Urban & Fischer, München, 2009
Sehnenchirurgie, Jürgen Geldermacher, Ferdinand Köckerling, Urban & Schwarzenberg, München - Wien -Baltimore, 1992
Kurzgefaßte Handchirurgie - Klinik und Praxis, Jürgen Rudigier, Hippokrates Verlag Stuttgart, 1997

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