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Fibromyalgie

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Die Schmerzen beziehen sich bei Fibromyalgie vor allem auf die Muskulatur und das Bindegewebe. (Adam Gregor /Fotolia)

Bei der Fibromyalgie bzw. dem Fibromyalgie-Syndrom treten chronische Schmerzen, bleierne Müdigkeit und Schlaflosigkeit auf.

Manche Experten sprechen von einer Schmerzverarbeitungsstörung, andere von einer Schmerzerkrankung mit psychischen Aspekten, denn die Art der Erkrankung sowie die Ursachen dafür sind nicht eindeutig geklärt. Oft vergehen viele Jahre bis zur Diagnose, Betroffene werden mitunter nicht ernst genommen oder fälschlicherweise als psychisch krank diagnostiziert. Multimodale Therapien sind am wirksamsten. Dabei handelt es sich um mindestens ein körperliches Verfahren plus mindestens einem psychologischen bzw. psychotherapeutischen Verfahren zur Schmerzbewältigung. Die bloße Verabreichung von Schmerztabletten ist nicht hilfreich.

Häufigkeit von Fibromyalgie

1,6 % bis 3 % der erwachsenen Bevölkerung sind betroffen, Frauen (meist um das 50. Lebensjahr) sind etwa sechsmal häufiger betroffen als Männer. Die Krankheit existiert in allen Völkern und Altersstufen, auch bei Kindern. Neben den psychosozialen Störungen kommt oft lange Arbeitsunfähigkeit dazu.

Ursachen/Symptome/Verlauf von Fibromyalgie

Ein bio-psycho-soziale Erklärungsmodell geht von mehreren an der Krankheitsentstehung beteiligten Mechanismen aus:  Traumatisierungen und Lebensbelastung als auch genetische Faktoren, etwa in Bezug auf die Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung im Zentralnervensystem dürften bei der Entstehung eines Fibromyalgiesyndroms veratwortlich sein. Die Wissenschaft spricht von einer primär zentralen Dysfunktion und keinem Defekt peripherer Nervenfasern oder Gefäße aus. Die in manchen Studien durchgeführten Hautbiopsien stellen am ehesten Epiphänome oder schlicht Zufallsbefunde dar. Die Evidenz zeigt, dass zentrale Areale der Verarbeitung von Gefühlen und Schmerz mitverantwortlich sind. Dennoch spannend bleibt, dass Entzündungsaktivität ein ganz wesentlicher Faktor ist. Unser Blick auf das serotoninerge System schließt den Kreis zwischen psychischen Faktoren und biologisch messbaren Vorgängen. Das Gleichgewicht der Aminosäure- Neurotransmitter Tryptophan, Serotonin, Tyrosin und Phenylalanin ist für die psychische Stabilität wichtig. Stress kann auch über das Immunsystem, im Sinne einer chronischen low-grade Inflammation, Neurotransmittersysteme beeinflussen. Gerade chronisch mentaler Stress spielt hier nachweislich eine Rolle.
 
 
Leitsymptome der Fibromyalgie sind:
Länger als drei  Monate bestehende über mehrere Körperregionen (oben, unten, links, rechts) verbreitete Schmerzen in Muskeln und Gelenken definieren die Fibromyalgie. Eine Mindestzahl an Schmerzpunkten ist nicht notwendigerweise vorhanden. Viele Patienten berichten über Ganzkörperschmerzen, Krankheitsgefühl, extreme Müdigkeit, Schlafstörungen und eine gestörte Befindlichkeit und gestörte Gemütslage. Die früher gebräuchlichen Tender Points werden in der S3 Leitlinie nicht mehr gefordert – sie haben sich als unspezifisch und wenig verlässlich herausgestellt. Heute werden anhaltende Schmerzen in mindestens drei Körperregionen plus Zusatzkriterien wie Schlafstörung, Erschöpfung oder funktionelle Beeinträchtigungen zur Diagnosesicherung herangezogen. Organische Ursachen im Sinne definierter Pathologien sind differentialdiagnostisch auszuschließen.
 
Sehr oft kommt eine Reihe anderer körperlicher Beschwerden, wie Arrhythmien, Blutdruckschwankungen, Reizdarm, Blasenstörungen, Kiefergelenkschmerz, gynäkologische Probleme und viele andere mehr dazu. Die Begriffe Schmerzverarbeitungsstörung, chronischer weitverbreiteter Schmerz (chronic widespread pain), Fibromyalgiesyndrom, chronisches Müdigkeitssyndrom (chronic fatigue), sowie Kau- und Gesichtsschmerzen (temporomandibular disorder)
fließen ineinander. Andere Ursachen für die Schmerzen müssen ausgeschlossen werden. Aktiv auszuschließende Differentialdiagnosen sind die Rheumatoide Arthritis, Polymyalgia rheumatica, Muskelfaserentzündung (Myositis), Lupus, sowie Funktionsstörungen der Schilddrüse und der Nebenschilddrüsen. Die angesprochene S3 Leitlinie ist hilfreich, wenn der Verdacht auf eine Fibromyalgie bereits besteht und Betroffene beim Spezialisten vorgestellt werden.
 
Neben diesen Kernsymptomen entwickelt sich im Laufe der Erkrankung häufig eine Schmerzüberempfindlichkeit. Betroffene leiden zudem häufig an co-morbide Depressionen.. Fibromyalgie wird aber nicht als depressive Erkrankung klassifiziert, die Depressionen sind jedoch häufig Folgen der Fibromyalgie, ebenso wie Angststörungen.
 
Die Erkrankung zeigt oft gravierende Auswirkungen im Leben der Betroffenen. Infolge von Schmerzen, Schlaflosigkeit und sozialem Rückzug kann im Laufe der Zeit der Alltag nur mehr mit großer Mühe oder überhaupt nicht mehr bewältigt werden.

Diagnose von Fibromyalgie

Da medizinische Befunde bei Fibromyalgie-Patienten keine Auffälligkeiten anzeigen (Laborwerte und Blutbild liegen bei Betroffenen in der Norm) und sich Schmerzen bzw. Erschöpfung nicht objektiv messen lassen, werden Betroffene mitunter nicht ernst genommen oder fälschlicherweise als psychisch krank diagnostiziert. Daher ist es wichtig, fachliche Unterstützung bei Rheumatologen, in Schmerzambulanzen bzw. psychosomatischen Kliniken, bei spezialisierten Psychotherapeuten oder auch bei Sportmedizinern zu suchen. Neben der sorgfältigen Abgrenzung somatischer Differentialdiagnosen muss auch eine eingehende psychiatrische Erstuntersuchung erfolgen. Diese klassische Erhebung muss neben aktuellen Belastungsszenarien auch die psychiatrische Anamnese sowie familiäre und soziale Situationen erfassen. Manchmal liegt eine oft jahrelange Krankheitsdauer vor, bis eine diagnostische Abklärung erreicht wird.
Zur psychotherapeutischen Untersuchung wird geraten, bei
 

  • Hinweisen auf vermehrte seelische Belastung (Angst, Depression)
  • Vorliegen von aktuellen und früheren schwerwiegenden psychosozialen Stressoren
  • Vorliegen aktueller oder früherer psychiatrischen Behandlungen.

Therapie von Fibromyalgie

Die zusammengesetzte, multimodale Behandlung, Aufklärung und Anleitung zum Selbstmanagement ist state of the art. Bewegungs-, Psycho- und Entspannungstherapie sowie psychoedukative Bewältigungsschulung sind Teile solcher Programme. Bei leichten Formen des Fibromyalgie wird der Patient zu körperlicher Aktivierung ermutigt. Bei schweren Verläufen stehen folgende Therapien zur Auswahl:

  • Bewegung und körperbezogene Therapien wie Ausdauertraining: meditative Bewegungstherapien wie Tai-Chi, Qi-Gong oder Yoga, Fibromyalgie-Turnen
  • medikamentöse Therapie: Alle medikamentösen Therapien sind nachgereiht,Dabei sollten nicht-steroidale Antirheumatika und starke Opioide nicht eingesetzt werden
  • am ehesten liegen Hinweise für einen Effekt von Antidepressiva und Neuroleptika vor.
  • multimodale Therapien: d.h. mindestens ein körperliches Verfahren plus mindestens ein psychologisches bzw. psychotherapeutisches Verfahren zur Schmerzbewältigung (z.B. Kognitive Verhaltenstherapie) bzw. Verarbeitung eventuell vorliegender psychischer Traumata.
     

Es ist empirisch und wissenschaftlich klar erwiesen, dass Psychotherapie wirksam ist. Vor allem kognitive Verhaltenstherapie verbessert nachweislich die körperbezogene Lebensqualität. Betroffene sollen dazu angeregt werden, sich langfristig durch bestimmte Maßnahmen selbst zu helfen. Im Vordergrund stehen individuell angepasstes Ausdauertraining (so viel Bewegung wie individuell möglich), angepasstes Krafttraining und Entspannungsübungen: Tai-Chi, Qi-Gong Autogenes Training, Hypnose, Meditation etc. Auch Biofeedback und Akupunktur wird eingesetzt. Massage dagegen soll nicht durchgeführt werden. Therapieerfolge stellen sich vor allem dann ein, wenn die Behandlung auf mehreren Ebenen erfolgt. Die bloße Verabreichung von Schmerztabletten ist nicht hilfreich. Bei gleichzeitigem Vorliegen von Depressionen und/oder Angststörungen können Antidepressiva und Neuroleptika nötig sein. Teilweise werden auch sogenannte neurotrope Nährstoffe (Uridinmonophosphat und Citidiynemonophsophat) eingesetzt.

Eine baldige Wiedereingliederung in den Arbeitsplatz und das soziale Umfeld erscheint kosteneffizient, wenn die Diagnose Fibromyalgie durch gut ausgebildete Ärzte erfolgt und eine adäquate Behandlung zur Verfügung steht

Fibromyalgie: Was kann der Betroffene zusätzlich tun?

Zusätzlich zu einer medizinischen Behandlung kann der Austausch mit anderen Betroffenen Erleichterung bringen. In Selbsthilfegruppen kommen Betroffene zusammen, sprechen über ihre Erfahrungen und Ängste und tauschen sich aus, welche Maßnahmen bei ihnen hilfreich waren und welche nicht.

AUTOR


Dr. Thomas Hartl
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Mag. Silvia Feffer-Holik


ERSTELLUNGS-/
ÄNDERUNGSDATUM


14.07.2017 / 10.08.2018
MEDIZINISCHER EXPERTE
UNIV.-PROF. Dr. Sabine Sator-Katzenschlager
Foto (c): Univ.-Prof. Dr. Sabine Sator-Katzenschlager (privat)
Stv. Leiterin der Abteilung der Speziellen Anästhesie und Schmerztherapie AKH Wien
QUELLEN
Interview mit Prof. Dr. Sabine Sator-Katzenschlager, Stv. Leiterin der Abteilung der Speziellen Anästhesie und Schmerztherapie, AKH Wien

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