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Diabetiker: Kontaktlinsen statt Blutzuckermessgerät?

Frau setzt sich eine Kontaktlinse ein
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Spezielle Kontaktlinsen könnten Diabetikern zu mehr Lebensqualität verhelfen. (Vladimir Sazonov / Shutterstock.com)

Eine bahnbrechende Erfindung könnte Menschen mit Diabetes zukünftig das Leben erleichtern. Von Google entwickelte High-Tech-Kontaktlinsen sollen den Blutzuckergehalt im Auge messen.

Den Tränen nahe: Glucosemessung im Auge

In den neuartigen Kontaktlinsen steckt komplizierte und detailreiche Technik. Sie bestehen aus zwei Lagen weichen Linsenmaterials, zwischen denen ein mikroskopisch kleiner Chip und ein ebenso winziger Sensor für die Messung der Glucose in der Tränenflüssigkeit eingebettet sind. Die Prototypen erfassen einmal pro Sekunde den aktuellen Zuckergehalt im Auge. Die Entwickler planen auch das Einsetzen kleiner LED-Lampen, die den Träger vor einem zu hohen oder niedrigen Glucose-Wert warnen sollen.

 

Ist der Blutzucker gemessen, senden die Kontaktlinsen die Daten an eine Smartphone-App, die sich der Diabetiker zuvor herunterladen muss. Das Projekt des Forschungslabors Google X steckt allerdings noch in den Kinderschuhen und muss noch zahlreiche Testphasen durchlaufen bis es für Patienten im Alltag anwendbar ist. Das kann noch einige Jahre dauern, mindestens 5 laut Google X. Bisher gab es schon einige klinische Studien, in der die Funktionen der Diabetes-Innovation geprüft wurden, die Ergebnisse wurden aber bisher nicht veröffentlicht.

"Trockenes Auge" bei Diabetikern könnte problematisch werden

Prim. Univ. Doz. Dr. Raimund Weitgasser, tätig für die Klinik Diakonissen Salzburg und die Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg sieht vor allem die Problematik, dass Diabetiker oft weniger Tränenflüssigkeit produzieren als gesunde Menschen: "Durch die trockenen Augen, das so genannte Sicca Syndrom bei Diabetikern, wird zu wenig Flüssigkeit im Auge produziert, die sogar oft durch künstliche Tränen ergänzt werden muss. Für diese Patienten würden die Kontaktlinsen dann nicht in Frage kommen. Außerdem kann es zu Reizungen der Augen kommen, die Diabetiker müssten die Linsen ja für längere Zeit tragen."

 

Ein weiteres Problem könnte laut Prim. Univ. Doz. Dr. Raimund Weitgasser in den Unterschieden zwischen den Zuckerwerten liegen: "Die Grenzwerte von Glucose im Auge sind nicht identisch zu denen im Blut, es müssten neue Standards für diese Form der Messung entwickelt werden. Hier fehlt noch der wissenschaftliche Hintergrund."

Bessere Lebensqualität für Diabetiker?

"Die Vorteile der Diabetes-Kontaktlinsen wären bestechend, da man den Patienten nicht mehr 'stechen' muss. Das kommt klar dem Patientenwunsch nach", so Univ.-Prof. Dr. med. univ. Hermann Toplak, Facharzt für Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen der Medizinischen Universität Graz. "Inwiefern der Blutzucker durch die Linsen widergespiegelt werden kann, ist aber fraglich. Das ist in Ruhe relativ wahrscheinlich, ich kann aber nicht abschätzen, wie träge die Tränenflüssigkeit den Blutzucker z.B. bei sportlichen Aktivitäten reflektiert. Das könnte wahrscheinlich ein Augenarzt beurteilen. Dazu kommt die technische Frage, wie genau das System funktionieren wird, insbesondere wenn die Linse länger im Auge verweilt. Bei Sonden unter der Haut z.B. kommt es durch Ummantelung derselben oft zu Störungen. All diese Faktoren müssen erst in Studien untersucht werden."

 

Sollte die Google-Erfindung tatsächlich eines Tages für Diabetiker erhältlich sein, könnte Sie also eine willkommene Alternative zum Messen des Blutzuckers durch regelmäßigen Einstich in die Haut darstellen. Bislang sind die Kontaktlinsen noch Zukunftsmusik, bleiben aber ein Hoffnungsschimmer für eine bessere Lebensqualität im Alltag von Diabetes-Patienten. Etwa 600.000 Menschen sind in Österreich an Diabetes erkrankt.

AUTOR


Elisabeth Mondl , Mag. Julia Wild


ERSTELLUNGS-/
ÄNDERUNGSDATUM


27.01.2014 / 27.02.2019
MEDIZINISCHER EXPERTE
UNIV.-PROF. Dr. Hermann Toplak
Ambulanz für Diabetes und Stoffwechsel Medizinische Universitätsklinik Graz
QUELLEN
Interview mit Univ.-Prof. Dr. med. univ. Hermann Toplak am 22.01.2014
Interview mit Prim. Univ.Doz. Dr. Raimund Weitgasser am 22.01.2014
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