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Wie sich unser Gesundheitssystem verbessern muss

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Jeder Tag im Krankenhaus kostet viel Geld, darum müssen sich Staat und Bevölkerung darum kümmern, dass diese Tage reduziert werden. (Watchara Ritjan/Shutterstock.com)

Mitte Mai diskutierte eine Expertengruppe bei den 4. PRAEVENIRE Gesundheitstagen, was Österreich für eine gesunde Zukunft braucht.

Wie sich die Bevölkerung entwickelt, ist schon seit einigen Jahren klar: Sie wird immer älter, aber nicht unbedingt gesünder. Der Bedarf an Pflege wird zunehmen, während sich – vor allem auf dem Land – der Mangel an Hausärzten immer deutlicher abzeichnet. Damit die Gesundheitsvorsorge weiterhin so gut wie bisher funktioniert, sind einige Änderungen im Gesundheitssystem notwendig. Genau darüber machten sich Experten sowie Vertreter von Gesundheitsinstitutionen Mitte Mai im Stift Seitenstetten (NÖ) Gedanken. Sie werden die Themen noch in den kommenden Monaten weiter bearbeiten, um der Politik im April 2020 ein „Weißbuch“ mit den gesammelten Problemen und möglichen Lösungsansätzen übergeben zu können. Das Ziel ist ein Gesundheitssystem, bei dem wirklich der Patient im Mittelpunkt steht.

Gut, aber zu teuer

„So, wie das System jetzt ist, werden wir uns die Gesundheitsversorgung der Zukunft nicht leisten können. Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass das System zwar sehr gut, aber auch sehr ineffizient ist“, berichtete Dr. Hans Jörg Schelling, ehemaliger Finanzminister und nun Präsident des Vereins PRAEVENIRE. „In Finnland findet eine gleich gute Versorgung statt wie hierzulande – aber sie kostet pro Kopf 1.000 Euro weniger.“ Das sei unter anderem der Tatsache geschuldet, dass die Österreicher oft schon wegen Kleinigkeiten ins Spital gehen und zugleich mehr Akutbetten bereitgehalten werden, als notwendig und leistbar sind. „Innerhalb der EU haben wir den zweithöchsten Wert an Krankenhausentlassungen“, ergänzte Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte Österreichs. Dr. Schelling wünschte sich daher: „Wir müssen die ineffizienten Prozesse im System lösen, dann wird genug Geld frei, um die Versorgung in der Zukunft sicherzustellen.“

Wir müssen im Kindergarten und in der Schule beginnen, uns mit der Frage zu beschäftigen, was man selbst für seine Gesundheit tun kann. Im Wesentlichen sind das Ernährung und Bewegung.

Dr. Hans Jörg Schelling, Präsident des Vereins PRAEVENIRE
Foto: Peter Provaznik

Mit welchem Problem wohin?

Die vielen Krankenhaustage kommen unter anderem dadurch zustande, dass es an Verantwortlichen fehlt, die die Betroffenen auf ihrem Weg durch das Gesundheitssystem begleiten. Solche Personen könnten bei der Entscheidung helfen, wann man die Krankheitssymptome selbst behandeln kann, wann ein Facharzt aufgesucht werden sollte und wann wirklich ein Krankenhausaufenthalt nötig ist. „Das würde am besten funktionieren, wenn man von einem guten Hausarzt- bzw. Primärversorgungsmodell ausgeht“, pflichtete Andreas Huss, MBA, von der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) bei, welche ab 1. Jänner 2020 die österreichischen Gebietskrankenkassen in den Bundesländern ersetzen wird. Deswegen müssen sich die Verantwortlichen auch Gedanken darüber machen, wie sie es schaffen, die Gesundheitsversorgung sowohl für Patienten als auch für die Ärzte und andere Gesundheitsberufe ansprechend zu gestalten. Dr. Schelling meinte dazu: „Es müssen Vorkehrungen getroffen werden, dass wir eine Versorgungsinfrastruktur haben, mit der die Versorgung wohnortnah gewährleistet ist – von der Einzelpraxis über Primärversorgungszentren und Ambulanzen bis hin zum Krankenhaus.“

Herausforderung Pflege

Da die Menschen immer älter werden, muss auch die Pflege dieser Personen sichergestellt werden. Dr. Schelling gibt zu bedenken: „Wir müssen heute entscheiden, wie wir in zehn Jahren die Pflege finanzieren.“ Mag.a Silvia Rosoli von der Arbeiterkammer Wien veranschaulichte, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt: „Die Zahl der mobilen und stationären Dienste muss sich bis 2050 mehr als verdoppeln.“ Zu bedenken ist dabei, dass sich überwiegend Frauen in Gesundheitsberufen engagieren und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewährleistet sein muss.

Gut versichert

Prinzipiell läuft aber in unserem Gesundheitssystem auch schon einiges gut, um das uns die Nachbarländer beneiden. „Mit der Sozialversicherung (SV) werden über 99 Prozent aller Gesundheitsbedürfnisse abgedeckt – vom Männerschnupfen bis zur Herzklappenoperation“, unterstrich Dr. Alexander Biach, Vorstandsvorsitzender im Hauptverband der österreichischen SV-Träger. Dafür sind die Österreicherinnen und Österreicher auch dankbar: 96% bewerten die Qualität der SV als gut, im EU-Durchschnitt sind nur 71% mit den in ihrem Land üblichen Versicherungsleistungen zufrieden. Auch im Bereich der Prävention wird viel investiert, so Dr. Biach: „Derzeit werden 87 Prozent der Präventionsausgaben von der SV getragen.“ Jedoch genügt das noch lange nicht, um der Bevölkerung mehr gesunde Lebensjahre zu bescheren. „Diesbezüglich braucht es eine gesetzliche Änderung – es kann nicht sein, dass die SV das fast alleine macht. Auch an die Eigenverantwortung der Patienten muss appelliert werden“, stimmte Mag. Martin Schaffenrath, MBA, von der ÖGK zu.

Selbst Verantwortung übernehmen

„Wir haben über einen sehr langen Zeitraum so etwas wie einen Vollkaskostaat entwickelt, was dazu führt, dass Menschen, die krank werden, sich darauf verlassen, dass sie versorgt werden. Dadurch ist die Eigenverantwortung nicht so stark ausgeprägt“, erklärte Dr. Schelling. Hier wird vonseiten der PRAEVENIRE-Experten überlegt, wie das Wissen über die Prävention von Erkrankungen und einen gesunden Lebensstil verstärkt werden kann. Ein Vorhaben, dem sich auch das MINI MED Studium verschrieben hat: die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken. „Denn Menschen, die über eine geringe Gesundheitskompetenz verfügen, nehmen Vorsorgeangebote weniger in Anspruch, werden häufiger hospitalisiert und brauchen mehr medizinische Notfallbehandlungen“, warnte auch Univ.-Prof. Dr. Jürgen Pelikan, der bei der Gesundheit Österreich GmbH die wissenschaftliche Leitung des Kompetenzzentrums für Gesundheitsförderung in Krankenhäusern und im Gesundheitswesen innehat. „Wir müssen im Kindergarten und in der Schule beginnen, uns mit der Frage zu beschäftigen, was man selbst für seine Gesundheit tun kann. Im Wesentlichen sind das Ernährung und Bewegung“, meinte Dr. Schelling abschließend.

Einige der Diskutanten, v. l. n. r.: Andreas Huss, MBA, Univ.-Prof. Dr. Lars-Peter Kamolz, Dr. Thomas Czypionka, Mag.a Silvia Rosoli,  Dr. Hans Jörg Schelling,  Mag. pharm. Jürgen Rehak, Dr. Erwin Rebhandl (Foto: Peter Provaznik)

AUTOR


Mag. Marie-Thérèse Fleischer, BSc


ERSTELLUNGSDATUM


07.06.2019

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