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Harnverlust: ein unabwendbareres Frauenschicksal?

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Ungefähr 800.000 Frauen sind in Österreich von unkontrollierbaren Harnverlust betroffen. (andriano.cz - Shutterstock.com)

Harnverlust ist bei jüngeren und älteren Frauen ein großes Thema. Dabei handelt es sich keineswegs um ein unabwendbares Frauenschicksal?

„In Österreich sind etwa 800.000 Frauen von diesem Problem betroffen, drei von zehn Frauen haben damit eine deutliche Einschränkung ihrer Lebensqualität. Damit ist Harnverlust eines der häufigsten Frauenleiden“, erklärt Dr. Andreas Brunner, Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Landesklinikum Baden-Mödling anlässlich eines MINI MED-Vortags am 13.05.2019 im Volksbanksaal Baden.

Wie viel Harnverlust ist normal?

Unsere Blase ist ein flexibles Organ. Ihre Kapazität liegt bei 350 bis 450 ml Harn. Ein erstes Gefühl, zur Toilette gehen zu müssen, stellt sich üblicherweise bei einer Füllmenge von 150 bis 250 ml ein. Etwa acht Mal pro Tag gehen wir zur Toilette, nachts ist – bei normaler Trinkmenge von 1,5 bis 2 Liter – ein bis zweimal normal. „Fünf bis sechs Mal nachts aufstehen zu müssen, stört den Schlaf und beeinträchtigt die Lebensqualität am nächsten Tag“, erklärt Dr. Brunner. Eine medizinische Abklärung ist dann anzuraten.

Formen der Inkontinenz

Mediziner unterscheiden zwischen verschiedenen Formen der Inkontinenz. Bei 40% der Betroffenen liegt eine Belastungsinkontinenz vor. Sie tritt beim Husten, Lachen oder Niesen auf und ist gut behandelbar. 10% der Betroffenen laborieren an einer Dranginkontinenz. Typisch dafür ist, dass ein Drang spürbar ist und der Harn kaum mehr bis zur Toilette zu halten ist. Krankhaft wird dieser Drang, wenn Betroffene es weniger als 15 Minuten schaffen, den Harn zu halten. Liegt die Zeitspanne des Auftreten des Dranges bis zur gewollten freiwilligen Entleerung, zum unwillkürlichen Harnverlust, unter 15 Minuten, ist das krankhaft. Diese Form der Inkontinenz kann man medikamentös behandeln. Bei der Hälfte aller Betroffenen liegt eine Mischform zwischen Belastungs- und Dranginkontinenz vor.

 

Nur 5% der betroffenen Frauen konsultieren einen Arzt, denn nach wie vor ist Harnverlust ein Tabuthema und die Hemmschwelle ist hoch. Dr. Brunner sieht jedoch keinen Grund dazu, denn „betroffen sind viele, sowohl junge Frauen, Frauen in der Lebensmitte als auch Ältere. Ungewollter Harnverlust ist in jeder Lebensphase möglich.“ So können die Beschwerden z. B. nach einer Geburt oder schon davor auftreten, sie nehmen im Alter aber zu.

 

„Ungewollter Harnverlust ist somit ein ganzheitliches Problem. Betroffene trauen sich gar nicht mehr weit zu reisen, sie sind in ihrem Aktionsradius sowie bei körperlichen Aktivitäten eingeschränkt und sie schämen sich bei Sex vor ihrem Partner. Das nagt am Selbstwertgefühl (rieche ich?) und kann zur sozialen Isolation und sogar zu Depressionen führen“, schildert Dr. Brunner.

Ursachen des Harnverlusts

Ungewollter Harnverlust kann viele Ursachen haben. „Die häufigste ist ein vorangeschrittenes Alter, denn im Zuge der Alterung geht die weibliche Östrogenproduktion zurück. In der Folge kommt es zu einer Schwäche des Bindegewebes. Aber auch Geburten und Schwangerschaften belasten den Beckenboden“, so der Mediziner. Rauchen, Übergewicht, chronischer Husten, mangelnde Bewegung, ungesunde Ernährung, schwere körperliche Arbeit, Blasenentzündungen, bestimmte Medikamente, manche Trink- oder Toilettengewohnheiten können Harnverlust begünstigen.

 

komplexe Harnblasenfunktion

Eine gesunde Blase schafft es, die Harnproduktion aufzufangen, und zum richtigen Zeitpunkt zu entleeren. Sie ist demnach zu 99% im „Speichermodus“. Zum Öffnen der „Schleuse“ muss der Verschlussmechanismus funktionieren. Das unterliegt jedoch einem komplexen System. Dr. Brunner: „Der Mechanismus wird einerseits vom Gehirn, andererseits über das Rückenmark gesteuert, hier gibt es mehrere Nervensysteme, die die Blase aktivieren.“

 

Der geschwächte Beckenboden

Eine Inkontinenz kann auch durch eine Scheidensenkung oder -vorfall bzw. Gebärmuttersenkung oder -vorfall hervorgerufen werden. „Besteht dieses Problem im vorderen Scheidenbereich, kann das eine Blasenschwäche oder eine Harninkontinenz nach sich ziehen. Liegt es im hinteren Bereich, kann es zu Stuhlinkontinenz kommen. Bei jüngeren Frauen kann das grobe Sexualstörungen mit sich bringen“, erklärt der Mediziner.

 

Etwa ein Drittel der Frauen unter 45 Jahren haben eine Gebärmuttersenkung, grundsätzlich haben 50% der Frauen irgendwann im Leben einmal eine Senkung, wie z. B. nach einer Geburt. Durch die Östrogenausschüttung regenerieren sich die Beckenbodenmuskeln jedoch üblicherweise wieder. Unterstützen kann man diesen Effekt mithilfe von Beckenbodentraining, dadurch können Muskeln wieder gekräftigt werden.

Was kann ich gegen Harnverlust tun?

„Der erste Schritt ist reden. Mit Freundinnen, dem Arzt – man muss das Tabuthema überwinden. Auch der Gynäkologe spricht mit der Betroffenen. Mediziner bezeichnen dies als Anamnese“, so Gynäkologe Brunner. Der Arzt versucht herauszufinden, ob es sich eher um eine Drang- oder Belastungsinkontinenz handelt. Er führt eine Harnuntersuchung durch, um auszuschließen, dass es sich um eine Entzündung handelt. Eine gynäkologische Untersuchung soll klären, ob ein Senkungszustand vorliegt. Eine umfassende Anamnese beinhaltet auch die Fragen nach Alter, Harndrang, Körperbau, nach möglichen vorangegangen Operationen, nach Trinkgewohnheiten oder Medikamenten, nach Geburten und Sexualverhalten. Der Gynäkologe kann auch einen Hustentest durchführen, und darauf achten, ob dabei ein Harnschwall abgeht. Bei sieben von zehn Patientinnen reicht diese Anamnese aus.

 

Mithilfe der Urodynamik kann der Arzt Druckwerte in der Blase beim Husten oder Niesen messen. Eine Ultraschalluntersuchung oder eine Blasenspiegelung trägt dazu bei, eine Tumorerkrankungen auszuschließen.

 

Eine Untersuchung der Harnprobe erfolgt mithilfe eines Streifentests, sodass eine Entzündung ausgeschlossen werden kann. Dr. Brunner: „Leukozyten im Harn sind jedoch nicht immer eine Bestätigung einer Entzündung, denn sie können auch durch kleine Verunreinigungen vorliegen“.

Der erste Schritt ist reden. Mit Freundinnen, dem Arzt – man muss das Tabuthema überwinden. Auch der Gynäkologe spricht mit der Betroffenen.

Dr. Andreas Brunner, Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Landesklinikum Baden-Mödling.
© MINI MED

Therapie des Harnverlusts

Viele Beschwerden lassen sich durch die Änderung des Lebensstils beheben, wie etwa durch ausgewogene Ernährung, Bewegung und ein ideales Körpergewicht. Ein Blasen- oder Toilettentraining kann dazu beitragen, den Harndrang zu kontrollieren, denn laut Gynäkologe Brunner, „passiert vieles im Kopf“. Bei milder Gebärmuttersenkung oder nach einer Geburt stärkt Beckenbodengymnastik die Muskeln.

 

Vor allem bei Dranginkontinenz helfen Medikamente, auch Hormone, wie lokal wirkende Cremen rund um die Harnröhre sind hilfreich. Gute Erfahrungen haben Betroffene mit Akupunktur gemacht. „Liegt eine Gebärmuttersenkung vor, können bei körperlicher Aktivität Tampons eingeführt werden, bei massiven Senkungszuständen ist wahrscheinlich eine Operation sinnvoll“, so der Mediziner. Vorlagen und Einlagen sind weitere Hilfsmittel bei Inkontinenz.

 

Weitere Therapiemöglichkeiten bieten, je nach Krankheitsbild, Zäpfchen oder lokales Östrogen, Laktobazillen (für die Scheidenflora), Cranberrypräparate, Probiotika (=Bakterienstämme, die ungewollte Stämme verdrängen) oder letztlich Antibiotika

 

Gegen Dranginkontinenz werden Substanzen wie Trospiumchlorid (Nachteil: Mundtrockenheit, keine ZNS-Affinität), sowie Oxybutinin (hohe ZNS-Affinität) eingesetzt. Neu im Behandlungsspektrum sind Beta-3-Agonisten.

 

Einer überaktiven Blase kann auch im Zuge eines kleinen Eingriffs abgeholfen werden: Dabei wird das Nervengift Botox in die Blase gespritzt, es legt den überaktiven Blasenmuskel lahm. Die Wirkung setzt etwa nach 1-2 Wochen ein und hält ca. sechs Monate an. Die klassische Operation bei Belastungsinkontinenz ist die Tension-free vaginal Tape-Methode (TVT). Dabei wird ein spannungsfreies Scheidenbändchen eingelegt. Nach der Operation stellen 80% der Betroffenen eine Verbesserung fest.

AUTOR


Dr. Doris Simhofer
REDAKTIONELLE BEARBEITUNG


Carola Bachbauer


ERSTELLUNGSDATUM


20.05.2019

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