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Vitamin D: Mehr wirkt nicht besser

Doktorhände, die weiße Karte mit Text "Vitamin D" halten
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Vitamin D ist das einzige, das unser Körper selbst bilden kann. Dazu bedarf es direkter Sonneneinstrahlung auf die Haut. (pathdoc / Shutterstock.com)

Eine Expertin räumt im Interview mit Vitamin-D-Mythen auf und erklärt, warum im Normalfall weniger meist mehr bewirkt.

Priv.Doz. Dr. Karin Amrein, MSc ist Erstautorin einer Vitamin D-Behandlungsstudie, die auf mehreren Intensivstationen des LKH Graz durchgeführt und 2014 präsentiert wurde. Sie forscht an der MedUni Graz und praktiziert im Schilddrüsen/Endokrinologie/Osteoporose-Institut Dobnig. Im intensivmedizinischen Bereich nutzt sie fallweise hochdosiertes Vitamin D.

Vitamin D wird oft als Allheilmittel gepriesen, insbesondere in extra-hoher Dosierung. Wie ist dazu der aktuelle Stand der Forschung?

PRIV.DOZ. DR. KARIN AMREIN, MSc : 2017 kam eine große Studie heraus, die nahelegt, dass ein ausreichend hoher Vitamin D-Spiegel das Immunsystem stärkt, Entzündungen hemmt und die typischen Winterleiden wie z. B. Atemwegsinfekte hintanhält.

 

Sie sagen "ausreichend hoch". Was ist damit gemeint?

Es gilt als gesichert, dass ein dauerhafter Wert unter 20 Nanogramm pro Milliliter Blut (ng/ml) gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich zieht. Anzustreben ist ein Wert zwischen 30-50 ng/ml. Aber vor allem im Winterhalbjahr ist das für viele Menschen schwierig. 

 

Warum ist das so?

Es gibt mehrere Ursachen. Einerseits ist die Ernährung ausschlaggebend – Herr und Frau Österreicher nehmen über das Essen meist nur 100 internationale Einheiten (IE) Vitamin D täglich zu sich, empfohlen wären 400-800 IE. Andererseits braucht der Körper Sonnenlicht, insbesondere UVB-Strahlen, um selbst Vitamin D zu erzeugen. Im Winter ist Sonne aber Mangelware und auch wenn sie scheint, ist die Wirkung gering.

 

Aber bei UVB-Strahlen denkt man an Sonnenbrand und Hautkrebs!

Ja, da sind wir bei der dritten Ursache für Vitamin D-Mangel – intensiver Sonnenschutz. Auf der einen Seite gut für die Haut, auf der anderen kontraproduktiv für die körpereigene Erzeugung von Vitamin D. Dieser Effekt zeigt sich auch bei stärkerer Pigmentierung: Je dunkler die Haut, desto wichtiger ist in unseren Breiten – wo die Sonneneinstrahlung geringer ist als weiter im Süden oder in Äquatornähe – die zusätzliche Zufuhr von Vitamin D.

 

Kann man einen zu hohen Vitamin D-Spiegel haben?

1972 wurde der Vitamin D-Spiegel von kalifornischen Bademeistern gemessen – und zwar am Ende des Sommers, als die körpereigenen Speicher randvoll waren. Sonnenschutz war damals noch kein Thema, und dennoch hatten die Testpersonen nicht mehr als 66 ng/ml im Blut. Das zeigt: Ein höherer Vitamin D-Spiegel kommt bei gesunden Menschen auf natürliche Weise nicht vor. Der Körper regelt das – außer bei seltenen genetischen Dispositionen.

 

Was bringt es dann, wenn man hochdosierte Vitamin D-Präparate einnimmt?

Außer in speziellen Ausnahmefällen – insbesondere im akutmedizinischen Bereich – ist eine hochdosierte Gabe von Vitamin D nicht angebracht. Wird einmalig zu viel eingenommen, "wehrt" sich der Körper durch Abbaumechanismen und der Vitamin D-Spiegel ist dann oft niedriger als zuvor. Eine länger andauernde Überdosierung ist aber definitiv ungesund. Das belastet u. a. die Niere und kann bis zum Nierenversagen führen. Entgegen kursierender Wunderheiler-Theorien ist "mehr" also nicht zwangsläufig "besser".

 

Ab welcher Dosis wird es ungesund?

Drehen wir den Spieß um: Eine kürzlich veröffentlichte Studie über 5 Jahre bei 26.000 Menschen in den USA hat gezeigt, dass Dosen unter 2.000 IE sicher sind.

 

Sollte man laufend seinen Vitamin D-Spiegel überprüfen lassen?

Nein, das ist nicht notwendig, außer in speziell begründeten Fällen. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass im Winterhalbjahr jeder ein wenig Vitamin D-Unterstützung gebrauchen kann. Bewährt haben sich Nahrungsergänzungsmittel mit der "nativen" Vitamin-Vorstufe D3, die der Körper nach Bedarf zur aktiven Form umwandelt. Hält man sich an die Dosierungsanweisung, ist eine Überdosierung praktisch ausgeschlossen. Vorausgesetzt man vertraut auf bewährte Hersteller und kauft nicht bei dubiosen Internet-Anbietern.

 

Wie sollte man Vitamin D3-Supplemente einnehmen?

Ob täglich oder wöchentlich, ist eine Frage der persönlichen Vorliebe, genauso wie die Uhrzeit oder ob vor, mit oder nach der Mahlzeit. Aber einmal im Monat ist zu selten, um eine positive gesundheitliche Wirkung zu erzielen. Eine regelmäßige Einnahme ist vor allem zwischen Oktober und April angeraten. Für Risikogruppen ist auch eine ganzjährige Ergänzung sinnvoll.

 

Auf welche Personen trifft das zu?

Insbesondere auf Menschen, die wenig ins Freie gehen wie z.B. Kranke, Alters- und Pflegeheimbewohner – aber auch Personen mit dunklerer Hautfarbe. Unter Kindern aus Migrantenfamilien ist Vitamin D-Mangel häufig. Auch bei Mädchen im Teenageralter, was möglicherweise mit dem Lebensstil zusammenhängt. Insgesamt zeigt die Sensibilisierung der österreichischen Bevölkerung aber inzwischen Wirkung.

 

Was ist von Kombinationspräparaten mit Kalzium und/oder Vitamin K zu halten?

Der Konsum von Milchprodukten geht seit Jahren zurück – sei es aus Lifestyle-Gründen, subjektiv empfundener oder tatsächlich vorhandener Unverträglichkeit. Mit rein pflanzlicher Ernährung lässt sich diese wichtige Kalziumquelle kaum ersetzen, aber der Knochen braucht seine "Legosteine". Vitamin D unterstützt die Kalziumaufnahme, was besonders bei Kindern im Wachstum sowie bei älteren Personen wichtig ist. Ob Vitamin K gegen Osteoporose wirkt, dafür gibt es Hinweise, aber bis dato noch keine soliden wissenschaftlichen Belege.

Priv.Doz. Dr. Karin Amrein, MSc

2017 kam eine große Studie heraus, die nahelegt, dass ein ausreichend hoher Vitamin D-Spiegel das Immunsystem stärkt, Entzündungen hemmt und die typischen Winterleiden wie z. B. Atemwegsinfekte hintanhält.

Priv.Doz. Dr. Karin Amrein, MSc

Foto: KA / privat
AUTOR


Margit Koudelka


ERSTELLUNGSDATUM


31.01.2019

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